Von Gerhard Wisnewski
Letzte Nacht hatte ich einen schlechten Traum: "Deutschland 1978. Am Morgen des 28. Dezember 1978 liegt die Temperatur in ganz Deutschland bei etwa zehn Grad über Null. Am Nachmittag desselben Tages fallen die Temperaturen um bis zu 30 Grad Celsius. Der Norden des Landes versinkt binnen weniger Stunden unter einem mehrere Zentimeter dicken Eispanzer - die Folge des gefrierenden Regens. Dann setzt ein 78-stündiger
Schneesturm ein. Nichts bewegt sich mehr. Friedhofsruhe. Kinder
erfrieren in selbstgebauten Iglus, Erwachsene in ihren Autos, die in
Schneewehen stecken bleiben, Helfer werden von Panzern überrollt und
das Vieh stirbt massenweise qualvoll, weil kein Wasser, kein Futter
mehr da ist und keine Maschine mehr geht. Hunderte Ortschaften bleiben
für Tage komplett von der Außenwelt angeschnitten. Die
Knopfdruckgesellschaft der Endsiebziger ist über Nacht lahm gelegt.
Tiefkühltruhen, Pumpen, elektrisches Licht, Elektroherde, Heizungen - nichts geht mehr. Bundeswehr und Nationale Volksarmee sind im Einsatz."
An dieser Stelle wälzte ich mich unruhig von einer Seite auf die andere. Dann ging es weiter:
"Die Folgen dieser Schneekatastrophe sind verheerend. 17 Todesopfer und Schäden in Höhe von 140 Millionen Mark -
das die Bilanz der Katastrophe in der Bundesrepublik. Eine gravierende
Folge in der DDR ist, dass die Energieversorgung für zwei Tage komplett
zusammenbricht. Der Braunkohleabbau droht einer nach dem anderen
stillzustehen. In der DDR gibt es keine offiziellen Zahlen über die
entstandenen Schäden.Aber mindestens fünf Menschen sterben auch hier
und die ostdeutsche Wirtschaft hat Jahrzehnte an den Folgen des Winters
1978/79 zu tragen."
Puh,
dachte ich, wischte mir den Schweiß von der Stirn und schenkte mir noch
ein Glas Wein ein. Da begriff ich: Ich lag gar nicht im Bett, sondern
saß vor dem Fernseher. Und was ich da wahrnahm, war auch kein Traum,
sondern eine TV-Dokumentation der ARD. Und zwar über eine - wenn nicht
die - bis dahin größte Wetterkatastrophe in der Geschichte der
Bundesrepublik. Ich überlegte eine Weile, warum ich dennoch zu träumen
geglaubt hatte. Dann hatte ich es: in dem Beitrag fehlte etwas. Aber
was? Schließlich fiel es mir ein. Es war das Wort "Klimakatastrophe".
"Ein
physikalisches Wunder, das für die Betroffenen zu beiden Seiten der
Grenze katastrophale Auswirkungen" hatte? Blödsinn. Katastrophe - na
klar. Aber irgendwie kann man damit nichts anfangen, Sie wissen schon
was ich meine - keine Politik machen: Den Leuten Angst einjagen und sie
kontrollieren, Steuern raufsetzen, globale Steuerungsinstrumente
schaffen. Es ist schon ein Kreuz mit der Natur. Sie ist irgendwie so
sinnlos. Aber zum Glück gibts ja beispielsweise den Spiegel. Der setzte
solche und ähnliche Geschichten schon 1986 vom Kopf auf die Füße und
den Kölner Dom unter Wasser. Damit jeder gleich mal wußte, was es
geschlagen hat. 1978 war man halt noch ein bissel naiv. Was sich heute
für Schlagzeilen daraus machen ließen - nicht auszudenken. Zum Beispiel
anläßlich des letzten UNO-Klimaberichts oder des Orkans Kyrill: "UNO
warnt vor dem Klimakollaps" (Europolitan). Oder: "Europa in der
Klima-Mangel" (Deutschlandfunk). Auch nicht schlecht: "Klima hat seinen
Preis" (Die Welt) Dazu paßt: "Versicherer wollen
Klima-Pflichtversicherung" (Salzburger Nachrichten). Hoppla, jetzt bloß
nicht zu denken anfangen. "Horror-Klima". Na bitte - geht doch! "Fliegt
uns die Erde um die Ohren?" Das kann man doch noch 'ne Windung
anziehen: "Unser Planet stirbt". Na endlich - wir sind gerettet. Von
der Bild-Zeitung.
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| Ein echter Klassiker der Panikmache: Spiegel-Titelbild aus dem Jahr 1986. |
Die war zu jener Zeit schlicht noch nicht erfunden. Blöd eigentlich. So
nahm man den kapitalen Wintereinbruch einfach als Naturereignis hin.
Natur! Geschenkt.
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