Von Hans Boës
Die neue
Verpflichtung zur Veröffentlichung der Nebeneinkünfte der
Bundestagsabgeordneten wird erst einmal auf den Sankt Nimmerleinstag
verschoben.
Nach erheblichen
Skandalen um die Verstrickung verschiedener Abgeordneter mit dem
RWE-Konzern, bei denen erhebliche Zahlungen ohne jedwede erkennbare
Gegenleistung angenommen worden waren, wurde erheblicher Druck auf die
Abgeordneten ausgeübt, nun ihre Nebentätigkeiten transparenter zu
machen. (Probleme mit verdeckten Lobbyisten http://www.heise.de/tp/r4/artikel/19/19090/1.html)
Daraufhin hat sich noch der
alte Bundestag zu einer Verschärfung der Verhaltensrichtlinien
durchgerungen, die in einer neuen Geschäftsordnung des Bundestages
niedergelegt worden sind. Danach müssen Abgeordnete, die mehr als 1000
Euro monatlich oder mehr als 10.000 Euro jährlich zusätzlich verdienen,
dies beim Bundestagspräsidenten anzeigen, der die Einkünfte wiederum
veröffentlicht. Dies sollte eigentlich zu einer größeren Transparenz
und einer neuen Vertrauensbasis zwischen den Abgeordneten und ihren
Arbeitgebern, den Wählern führen.
Aber
noch vor Inkrafttreten der neuen Regelung gab es Kritik aus den Reihen
einiger Abgeordneter. Und schon bei seiner Antrittsrede im Bundestag
hatte der neue Bundestagspräsident Lammert im Zusammenhang mit der
neuen Praxis von ?Übertreibungen" gesprochen, bei denen ?nachjustiert"
werden müsse. Genau dies hat er jetzt getan, indem er erst einmal
abwarten will, was die Klagen von sechs Abgeordneten beim
Bundesverfassungsgericht ergeben. Das kann nach Einschätzung von
Experten Jahre dauern.
Lammert hat damit offenbar
endlich einen Vorwand gefunden, mit dem er die Veröffentlichung der
Abgeordnetenbezüge aus Nebentätigkeiten verhindern kann. Schon vor
Wochen hat er sich nur nach erheblichen Protesten aus der Bevölkerung
dazu durchringen können, die Ausführungsbestimmungen zu der neuen
Geschäftsordnung des Bundestages zu veröffentlichen und an die
Abgeordneten zu verschicken.
?Die klagenden
Abgeordneten haben bei Gericht nicht einmal einen Eilantrag gestellt.
Es scheint Herrn Lammert ausschließlich um eine Verzögerung der
Veröffentlichungspflicht zu gehen", schreibt Dagmar Schröder von
Transparency International. (http://www.transparency.de/2006-03-12_Abgeordnete.892.0.html)
In der gemeinsamen Presseerklärung von Campact, Transparency International und LobbyControl heißt es weiterhin:
Besonders pikant: Auf
Nachfrage von LobbyControl hat die Bundestagsverwaltung bestätigt, dass
alle Angaben zu den Nebentätigkeiten der Abgeordneten unter Verschluss
bleiben sollen. Das betrifft auch die bisher gängige Veröffentlichung
von Posten in Vorständen, Aufsichtsräten, Vereinen oder Stiftungen, die
nicht von der anhängigen Klage betroffen ist. ?Das Vorgehen von Herrn
Lammert bedeutet einen Rückschritt in Sachen Transparenz, obwohl vom
Bundestag eine Ausweitung beschlossen wurde ? ein grotesker Vorgang",
kritisiert Ulrich Müller von LobbyControl.
Damit wird deutlich, dass es
hier nicht um die Rechtssicherheit einiger Abgeordneter geht, sondern
darum, in einer konzertierten Aktion einiger Abgeordneter, die gerade
erst vom Bundestag verabschiedete Offenlegungspraxis möglichst bald
wieder in der Versenkung verschwinden zu lassen.
Vollkommen
unverständlich wird das Verhalten von Herrn Lammert und der sechs
Abgeordneten, wenn man bedenkt, daß der Bundestag vor noch nicht allzu
langer Zeit dafür gesorgt hat, daß die Konten aller Bürger vom
Finanzamt durchleuchtet werden können, das Bankgeheimnis also
stillschweigend abgeschafft worden ist. Außerdem wurde im vergangenen
Jahr vom Bundestag gerade beschlossen (http://www.bmj.bund.de/media/archive/991.pdf),
dass die Vorstände der großen Aktiengesellschaften alle ihre Bezüge
offen legen müssen, um Korruption in der Wirtschaft vorzubeugen. Und
jetzt wollen die Abgeordneten noch nicht einmal über die Höhe ihrer
eigenen Nebeneinkünfte Rechenschaft ablegen? Das ist doch lächerlich.
So verwundert es eigentlich nicht, wenn schon im Jahr 2002 nach einer Umfrage der Arbeitsgruppe Perspektive Deutschland (http://www.perspektive-deutschland.de/files/presse_2003/EDIT_PM_polit_System.pdf) das Vertrauen der Deutschen in die Politiker fast auf dem Nullpunkt angekommen war:
?Das Vertrauen in die
politischen Institutionen hat einen dramatischen Tiefstand erreicht.
Bundestag und Parteien haben kaum noch Rückhalt in der Bevölkerung: Nur
drei Prozent der Bundesbürger vertrauen den politischen Parteien. 57
Prozent bewerten ihre Aufgabenerfüllung als schlecht und 80 Prozent
sehen bei ihnen dringenden Verbesserungsbedarf. Ihre Forderungen: mehr
Transparenz und Leistungskontrolle."
Gerade das aber wird durch den
erneuten Vorstoß von Herrn Lammert und seinen fünf Kollegen und der
einen Kollegin ad absurdum geführt. Statt für mehr Transparenz zu
sorgen, kann nun erst einmal wieder im alten Stil weiter gekungelt und
gemauschelt werden.
Die Online-Aktionsplattform Campact (www.campact.de)
hat denn auch gleich zu einer Email-Aktion gegen den neuen Schachzug
von Herrn Lammert aufgerufen. Und die Organisation Transparency
International berichtet, dass in drei Tagen schon mehr als 2000
Menschen an der gemeinsamen Kampagne teilgenommen haben. (http://www.transparency.de/2006-03-16_Abgeordnete.893.0.html).
Der Staatsrechtler von
Armin geht sogar davon aus, dass Herr Lammert mit seiner
Verzögerungstaktik zum offenen Gesetzesbruch aufruft: (http://www.campact.de/nebenekft/home)
?Die Entscheidung von
Bundestagspräsident Lammert, vorerst keine Angaben zu Nebeneinkünften
der Bundestagsabgeordneten zu veröffentlichen, stellt die Ankündigung
eines offenen Gesetzesbruchs dar. § 44a des Abgeordnetengesetzes sowie
die Verhaltensregeln für Bundestagsabgeordnete verlangen zwingend die
Veröffentlichung der Angaben. Der Bundestagspräsident ist nicht befugt,
die Anwendung des Gesetzes auszusetzen. Das könnte allenfalls das
Bundesverfassungsgericht."
Fragt man sich doch, was haben
Herr Lammert und seine fünf Kollegen sowie eine Kollegin eigentlich zu
verbergen? Und für wen arbeiten diese Dame und die Herren eigentlich,
für ihre Wähler?
Aber fragen Sie die
Abgeordneten vielleicht am besten selbst. Neben Herrn Lammert (CDU)
handelt es sich um die Abgeordneten Sybille Laurischk (FDP), Heinrich
Kolb (FDP), Hans-Joachim Otto (FDP), Peter Danckert (SPD), Friedrich
Merz (CDU) sowie Max Straubinger (CSU). Zu erreichen sind sie über die
Webseite des Bundestages (www.bundestag.de).
Dort finden sich auch weitere Informationen, wie beispielsweise die von
Lammert verfügten Ausführungsbestimmungen zur Veröffentlichung der
Nebeneinkünfte und die verabschiedeten Verhaltensregeln für die
Abgeordneten des Deutschen Bundestages.
Vielleicht sollte man auch den
jetzt wieder aufflammenden Streit um die Veröffentlichungspflicht der
Nebenbezüge dazu nutzen, die Forderung nach Transparenz noch etwas
weiter zu präzisieren. Denn es genügt ja eigentlich nicht, nur zu
erfahren wieviel ein Abgeordneter dazu verdient, sondern man müßte auch
wissen, woher das Geld eigentlich kommt.
Die jetzt erst einmal
zurückgestellte Regelung blieb ja noch weit hinter dieser Forderung
zurück. Bis zu Lammerts unverfrorenem Eingriff in die Rechte der
Wähler, zu erfahren, wer von den bezahlten Volksvertretern noch
zusätzlich Kasse macht, war ja nur geplant, die Abgeordneten in drei
Gruppen einzuteilen: Abgeordnete die mehr als 1000, mehr als 3500 und
mehr als 7000 Euro monatlich verdienen. Aber selbst diese
unverfängliche Regelung war den Abgeordneten scheinbar schon zuviel.
Da stellt sich mir doch die
Frage, wie wäre es eigentlich, wenn man die Abgeordneten einfach
grundsätzlich nur noch nach Leistung bezahlt, also zum Beispiel
entsprechend dem Durchschnittseinkommen der Bevölkerung? Dann würden
die vielleicht bemerken, daß dies schon seit Jahren kaum mehr steigt,
vielmehr real sogar immer weiter sinkt. Und auch die Rentenansprüche
der Abgeordneten könnten sich ja künftig an den durchschnittlichen
Renten der Bevölkerung orientieren.
Related:
Lobbyismus for Dummies
http://www.heise.de/tp/r4/artikel/16/16361/1.html