Von Gerhard Wisnewski
Eine merkwürdige Szene: Bei strahlendem Sonnenschein gehen George W. Bush
und sein Pressesprecher
Scott McClellan auf dem Rasen des Weißen Hauses in dunklen Anzügen
nebeneinander
her auf die Mikrophone zu. Ihre Schritte demonstrieren
Spannkraft und Entschlossenheit, aber als Bush kurz winkt,
wirkt dies künstlich, unsicher und zurückhaltend -
sein puppenhaftes Winken geht ins Leere, er scheint niemanden
zu meinen.
So
begann gestern ein großes Reinemachen im Weißen
Haus. Ob dies dadurch wirklich sauberer oder vielmehr noch verrotteter
wird, als es ohnehin schon ist, ist natürlich die
große Frage.
Die
entschlossenen Schritte und vor allem McClellans Lächeln
sollen wohl Zuversicht demonstrieren, das Ganze macht aber einen schwer
definierbaren, armseligen Eindruck. Es hat etwas Trotziges - wie ein
Pfeifen im dunklen Walde. Die beiden kommen daher, als würden
sie sich bestens verstehen, wechseln ostentativ ein paar Worte.
Dann
bleiben sie vor den Mikrophonen stehen, und wenn ich das sage, dann
meine ich das wörtlich. In einer Frontalaufnahme der beiden
sieht man von unten die Mikrophone ins Bild ragen, und
unwillkürlich hat man das Gefühl, ein paar
Assistenten würden nur einige Besenstile mit Windschutz ins
Bild halten. Man sieht keine Leute, keine Hände, keine
Köpfe, nichts. Von McClellans und später Bushs Worten
abgesehen, gibt es auch keine Geräusche. Die anwesende Presse
wird nur durch die ins Bild ragenden Mikrophonköpfe
repräsentiert, die zudem anonym bleiben. Interessanterweise
sehen die Mikrophonköpfe in Form und Farbe völlig
identisch aus - so, als wären nicht die verschiedensten Medien
anwesend, sondern bloß die einer einzigen "Firma".
Gespenstisch.
"Guten
Morgen zusammen", sagt McClellan, "ich bin hier, um bekannt zu geben,
daß ich als Pressesprecher des Weißen Hauses
zurücktreten werde. "Mr. President", sagt er dann und wendet
sich an die Präsidentenpuppe neben ihm, es sei eine
große Ehre und ein großes Privileg gewesen, ihm
für nunmehr sieben Jahre zu dienen. Davon zwei Jahre und neun
Monate als Pressesprecher. Das Weiße Haus befinde sich in
einer Phase des Übergangs, erklärt McClellan
nebulös. Wandel könne hilfreich sein, würgt
er heraus, es sei eine gute Zeit und eine gute Position dafür.
Er habe viel erreicht, wendet sich McClellan wieder an Bush, der
plötzlich wirkt wie ein Schulbub, der ein Lob seines Lehrers
einheimst. Als McClellan sagt, er sei stolz, ein Teil dieses grandios
talentierten Teams gewesen zu sein, wirkt es nur wie Hohn. "Terrific"
kann ja auch beides heißen: fürchterlich und
schrecklich ebenso wie grandios und sagenhaft.
Die
Farce schwingt in jedem Wort und in jeder Geste mit. Sie ist
unaufhörlich und unentrinnbar gegenwärtig, so als
würde jemand im Hintergrund ein Schild mit der Aufschrift
"Schwachsinn!" hochhalten - und die beiden Redner würden es
genau wissen. Ihre Beziehung habe einst in Texas begonnen, und er freue
sich darauf, sie dort fortzusetzen, sagt McClellan, besonders, wenn sie
beide wieder zurück in Texas seien - was so klingt, als
würde Bush ihm bald nachfolgen. Bush überspielt die
Peinlichkeit mit seinem dreckigen und heiseren Cowboylachen, das er in
unzähligen Saloon-Stunden erworben haben mag. Da
fängt sich auch McClellan und sagt, er hoffe
natürlich, vor Bush dort zu sein.
Nachdem
sich beide die Hand geschüttelt haben, kommt Bush an die
Reihe. Es sei eine herausfordernde Aufgabe gewesen, sagt er erst
zögerlich, dann plötzlich ironisch werdend, und macht
eine Handbewegung in Richtung der Mikrophone, "mit Ihnen allen
täglich umzugehen." Die Mikrophone fühlen sich nicht
angesprochen und zeigen kein Anzeichen einer Regung. McClellan
repräsentiere wirklich, sagt Bush und stockt, das Beste seiner
Familie, seines Bundesstaates und seines Landes. Schon wieder klingt
alles gelogen, da hilft auch die hölzerne Handbewegung nicht.
Es werde schwierig sein, McClellan zu ersetzen, sagt Bush und stockt
erneut. Aber nichtsdestotrotz habe McClellan die
Rücktrittsentscheidung getroffen, und er - Bush - akzeptiere
das. Auch das wirkt gelogen. Es folgen noch ein paar künstlich
auflockernde Worte, ein Händedruck - das war's. Die Mikrophone
stellen keine Fragen. Dann gehen beide nach links davon. Die Kamera
schwenkt stumm hinterher, als könne sie das Ganze nicht
fassen. Fertig ist der kleinste, anzunehmende Fußtritt -
beziehungsweise Rücktritt.
Dem
Vernehmen nach soll es größere personelle
Umstellungen im Weißen Haus geben. Daß sie die
Politik der Vereinigten Staaten zum Besseren wenden, kann man
vielleicht hoffen, aber sicher nicht erwarten.