Von Gerhard Wisnewski
Wenn die gesamten deutschen
Medien plötzlich auf einen hohen Politiker losgehen, sollte uns das
mißtrauisch stimmen: Wurden in Deutschland etwa über Nacht freie
Meinungsäußerung und Demokratie ausgerufen? Haben dieselben Medien, die
sonst selten durch unangenehme Fragen auffallen, plötzlich wieder Mut
gefaßt? Weht mit einem Mal ein anderer Wind in Deutschland, bei dem ein
Außenminister durch ein Rauschen im Blätterwald hinweggefegt werden
kann? Nicht doch. Das Ganze ist ein netter, kleiner Sturm im
Wasserglas.
Um
es gleich vorweg zu sagen: Jeder Tag in Guantanamo ist ein Tag zuviel.
Und jede Bundesregierung hat die moralische Pflicht, gegen dieses
Internierungslager ihres wichtigsten Verbündeten vorzugehen und dort
inhaftierten Menschen zu helfen.
Dennoch wird es Zeit, den Fall
Kurnaz vom Kopf auf die Füße zu stellen. Denn Kurnaz, von dem jeder
halten mag, was er will, ist nicht nur Opfer, sondern auch Waffe. Und
zwar gegen Frank-Walter Steinmeier, von dem ebenfalls jeder halten mag,
was er will. Tatsache ist: Der deutsche Außenminister, Restposten der
Schröder-Regierung, soll weg. Fast schon hysterisch fordern Medien und
Politiker seinen Kopf.
Nun sollte man den Kopf eines Menschen, wenn überhaupt, dann nur im übertragenen Sinne und aus den richtigen Gründen fordern.
Die Causa Steinmeier steht und
fällt nämlich damit, wer oder was eigentlich Murat Kurnaz ist. Sehen
wir uns kurz an, was die deutschen Medien über Kurnaz schreiben:
- Kurnaz sei ein "junger bremischer Bürger" (Prantl, SZ)
- Man habe versucht, seine Einreise in "seine deutsche Heimat" zu verhindern (Prantl, SZ)
- Ganz verzwickt: "ein Deutscher, ein Türke, der in Deutschland aufgewachsen ist" (Beckmann, ARD)
Ja, was denn nun? Wie diese
mißverständliche und unbestimmte Wortwahl wirkt, zeigt ein Blick in das
eine oder andere Forum: "Die regierenden Ochlokraten", schreibt da
einer, "führen bei jeder passenden wie unpassenden Gelegenheit den
hehren Anspruch der FDGO ins Feld, verweigern aber einem Menschen den
Anspruch, der sich aus dem Grundgesetz ergibt. Damit ist der Vertrag
zwischen Staat und Bürger gekündigt..."
Vertrag zwischen Staat und
Bürger? Der Eindruck, Murat Kurnaz sei deutscher Staatsbürger,
verfestigt sich. Nur damit läßt sich die Waffe gegen Steinmeier scharf
machen. Einen Menschen in Guantanamo im Stich zu lassen, wäre zwar
schlimm, vernichtend wäre der Tatbestand aber erst, wenn Kurnaz die
deutsche Staatsbürgerschaft besäße. Dann hätte Steinmeier tatsächlich
seine Amtspflichten verletzt. Und so wird Kurnaz' deutsche
Staatsbürgerschaft pausenlos suggeriert. Die Zeit schreibt von Kurnaz
als dem "Bremer Schiffbauer Murat Kurnaz", oder "Murat Kurnaz, der Sohn
eines Monteurs" und nochmals: "Der damals 19-jährige Bremer Murat
Kurnaz". Und ob er wollte oder nicht: Auch Kurnaz selbst schärft die
Waffe gegen Steinmeier: "„Ich bin hier geboren und aufgewachsen. Ich
unterscheide mich nicht von den anderen Deutschen", sagte er im
Fernsehen.
Ich höre immer "deutsch": Daß
Kurnaz überhaupt kein deutscher Staatsbürger ist, wird in vielen
Berichten entweder geschickt umschifft oder aber erst weiter hinten
erwähnt, und zwar als unzulässige Verteidigungsstrategie Steinmeiers.
Der sei Jurist, und "Juristen neigen zu mechanistischem Denken",
schreibt der SZ-Reporter (und Jurist) Heribert Prantl: "Dieses Denken
hat sich im Fall Kurnaz auf die Position versteift, dass der junge Mann
zwar in Bremen geboren und aufgewachsen, aber nun einmal kein deutscher
Staatsbürger sei".
Nun, darauf wird man ja wohl
noch hinweisen dürfen. Sollten deutsche Dienststellen Kurnaz die Hilfe
verweigert haben, wäre das zwar schlimm, aber eben nicht dasselbe, als
wenn Kurnaz die deutsche Staatsbürgerschaft besessen hätte. Erst dann
nämlich müßte die mutmaßliche unterlassene Hilfeleistung (dienst-)
rechtliche Konsequenzen haben. Kurnaz war auch nicht staatenlos, woraus
sich vielleicht eine gewisse Fürsorgepflicht seines vermeintlichen
"Heimatlandes" hätte herleiten lassen, sondern türkischer Staatsbürger.
Die Türkei wiederum soll sich nicht um ihn geschert haben, was bis
jetzt allerdings nicht zu flammenden Anklagen gegen das Land am
Bosporus geführt hat.
Kein Wunder, denn die Rolle
des Bösewichts ist jemand anderem zugedacht, nämlich Steinmeier. Der
tiefere Sinn liegt im moralischen Abriß der früheren Bush-kritischen
Bundesregierung. Ein Verfahren, das man schon häufiger angewendet hat,
zum Beispiel beim moralischen Abriß des Überkanzlers Kohl durch die
Parteispendenaffäre, um den Weg für Merkel frei zu machen. Auch damals
hieß der vorderste Enthüller Leyendecker. Mit Gewalt versucht man nun
erneut, eine alte Bundesregierung in einen Skandal zu verwickeln,
diesmal in die abstoßenden Machenschaften der Vereinigten Staaten,
seien es die CIA-Flüge oder Guantanamo. Obwohl die jetzige
Bundesregierung unter Angela Merkel durch ihre obszöne Unterstützung
der Bush-Junta in diesen Machenschaften viel tiefer drin steckt - und
zwar bis über beide Ohren. Das Ziel der üblichen Verdächtigen vor allem
bei der Süddeutschen Zeitung lautet aber, die "moralische Alternative"
zum Regime von Angela Merkel endültig aus dem Gedächtnis der Deutschen
zu tilgen. Die moralische Überlegenheit der Schröder-Regierung, sei sie
nun echt oder bloß eingebildet, verfolgen sie solange mit ihrem Haß,
bis nichts mehr davon übrig ist. Fazit: Die ach-so-engagierten
Journalisten besorgen das Geschäft der Vereinigten Staaten.