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| Merkel bei Beckmann (Bericht auf ARD-Website) |
Von Gerhard Wisnewski
Nur
der Ordnung halber, damit wirs nicht vergessen: Haben Sie den Auftritt
von Angela Merkel bei Beckmann gesehen (Angela Merkel ist die deutsche
Bundeskanzlerin)? Ich weiß, ich bin spät dran, denn der war schon am
11. Dezember, also vor gut einer Woche. Trotzdem will ich darüber noch
etwas schreiben, denn ich glaube, Sie haben das Wichtigste überhört.
Und nicht nur Sie, sondern die gesamte deutsche Presse - während ich
wiederum dachte, nicht richtig gehört zu haben. Doch der Reihe nach:
Zunächst
erfährt man nicht viel, weder über Politik noch über persönliche
Dinge. Wie war kürzlich die Aufführung von Verdis Aida in der
Mailänder Scala? Natürlich "wunderbar". Die Inszenierung hat ihr "sehr
gut gefallen". Die Stimmen waren "ok", die Stimmung "wunderbar". Aha.
Und worum ging es in der Oper? "Wie so oft geht es um Frauen und um
Liebe." Gut geraten, aber ein bißchen mager. Aber das ist doch
eigentlich eine politische Oper, hakt Beckmann deshalb nach. Genau:
Nämlich eine Oper um Kriege, Intrigen und Unterwerfung. "Jede Oper hat
auch ein bißchen Politik", wolkt Merkel herum: "Aber ich gehe nicht
vorrangig wegen der Politik in die Oper, sondern um mich an den Stimmen
zu erfreuen." Sehr brav. Immerhin soviel: Die Oper spiele in einer
Region, nämlich in Ägypten, "in der wir uns im Augenblick gedanklich
häufig aufhalten."
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| Merkel bei Beckmann (Bericht auf ARD-Website) |
Ja, ja - wo wir uns zur Zeit nicht so überall aufhalten. Und zwar nicht
nur gedanklich. Deutschland wird eigentlich überall und nirgends
verteidigt, mit der Tendenz zu überall. Ein deutscher Flottenverband
dümpelt beispielsweise gar nicht so weit von Ägypten entfernt vor der
Küste des Libanon herum, angeblich um Waffenschmuggel an die Hisbollah
zu verhindern, in Wirklichkeit, um auf irgendetwas zu warten, auf was,
weiß eigentlich niemand so genau. Schon gar nicht die Kanzlerin,
jedenfalls nicht offiziell. Vielmehr zündet sie eine Nebelkerze der
Harmlosigkeit nach der anderen an. Es ist schließlich Weihnachten. Das
Regieren zum Beispiel mache "Spaß". Nein, halt: "Freude." Über die
Erfolge ist sie "erfreut", aber auch "sehr nüchtern". Natürlich.
Bloß nichts rauslassen. Vor allem nichts Politisches.
Eine Kanzlerin als graue Maus oder als Stealth-Bomber der Politik, der
sich mit einer Tarnkappe der Harmlosigkeit und Beliebigkeit im
geistigen Tiefflug durch die Sendung bewegt. Was die Frage aufwirft:
Was will die Frau? Und: Was weiß die Frau? Oder besser noch: Was MEINT
die Frau? Können wir einer Kanzlerin, die soviele Nebelkerzen wirft,
überhaupt trauen? Was hat sie zu verbergen?
Daß
Beckmann schließlich zum schweren Werkzeug griff, war da nur
angebracht: "Die Irakpolitik von George W. Bush ist gescheitert,
widersprechen Sie mir da?". Nicht doch: Sie widerspricht niemandem,
Herrn Beckmann nicht und Herrn Bush schon gar nicht. Und genau das war
ja das Problem: Ihre bedingungslose Liebedienerei gegenüber dem
US-Präsidenten. Im Irak gescheitert? Nein, nein: Gefragt ist "eine
realistische Betrachtung der Schwierigkeiten", man müsse
"vorankommen". Die Baker-Kommission fordere den stufenweisen Abzug der
US-Truppen, fragt der an diesem Abend fast tadellose Beckmann: "Teilen
Sie diese Einschätzung?"
Teilen? Nicht doch: Sie widerspricht
nicht nur nicht, sie teilt auch nicht, schon gar nicht Meinungen.
Jedenfalls nicht, wenn es nicht die Meinungen des US-Präsidenten sind.
Und diese teilt sie nicht einfach, sondern saugt sie auf wie ein
Schwamm. Das "allein" - also der Abzug - werde die Lage noch nicht
verbessern, meint die Kanzlerin. Man müsse alles mögliche tun, und auch
das Gegenteil. Naja: Ganz so hat sie es nicht gesagt, aber so ungefähr.
Den "Diplomatieauftrag" der Baker-Kommission in Richtung Iran und
Syrien findet Beckmann sodann erwähnenswert. Nun, es gebe ja nicht nur
einen Diplomatieauftrag in dieser Richtung, meint die Kanzlerin, aber
mit diesen Ländern sei es "am kompliziertesten".
Genau, und
zwar weil ihr Freund George W. Bush das Verhältnis zu diesen Ländern
vollständig vor die Wand gefahren hat. Ob sie mit den USA zu lange
solidarisch gewesen sei, will Beckmann wissen. Nein, das Problem sei
gewesen, daß Europa keine gemeinsame Haltung gehabt habe, meint Merkel
- daß also nicht alle europäischen Staaten den Weg in George W. Bushs
Allerwertesten angetreten haben - so wie sie. Das Irakdebakel war und
ist also nicht das Problem, sondern die Spaltung Europas. Was "wir als
Europäer" daraus gelernt haben, sei, "daß wir es dazu nicht wieder
kommen lassen wollen". Soll heißen: Das nächste Mal sollen die Europäer
gefälligst geschlossen hinter den Raubzügen der Vereinigten Staaten
stehen. Die Lehre für die EU bestünde darin, "daß man gemeinsam handeln
sollte." Gemeinsam mit den Amerikanern, natürlich.
"Aber es
gibt doch eine menschliche Seite, Frau Merkel", beleuchtet Beckmann das
ganze moralische und politische Elend dieser Kanzlerin: "Was da
passiert im Irakkrieg, mit diesen vielen zivilen Toten, neben den 3.000
toten amerikanischen Soldaten, da kann doch kein vernünftiger Mensch
sagen, daß das ein Auftrag war, der in Ordnung ist. Diese Mission ist
fehlgeschlagen, in jeder Hinsicht."
Sehr
schön. Und jetzt? Irgendein Wort des Bedauerns für die zivilen Opfer,
das ganze herzzerreißende Elend, das ihr amerikanischer Freund über den
Irak gebracht hat? Nicht doch: Saddam Hussein ist "weg", die
Schwierigkeiten "sind groß", und wir alle haben jetzt die Aufgabe, "aus
dieser Situation, wie sie im Irak ist, eine positive Entwicklung zu
machen."
Interpretiert man Merkel richtig, wurde diese Situation nicht durch irgendwen verursacht, sondern fiel praktisch vom Himmel.
Beckmann:
"Es springt Ihnen doch kein Zacken aus der Krone, wenn Sie sagen: was
da gelaufen ist, ist ein Verbrechen an der Menschlichkeit."
Und ob - da fallen Merkel sehr wohl Zacken aus der Krone, und zwar alle: "Nein,
das sage ich aber nicht", bockt die Kanzlerin. Womit Frau Merkel
dankenswerter Weise erstens ganz klar machte, daß sie inzwischen
Karriere gemacht hat - von Kohls Mädel zu Bushs Mädel für alles. Und
zweitens, wes Geistes Kind sie eigentlich ist.
Stattdessen
sagt sie, "daß erstmal ein Diktator weg ist und daß trotzdem erstmal
sehr viele neue Schwierigkeiten aufgetreten sind". Genau - nämlich die, daß es nun einen viel schlimmeren Diktator auf dem Globus gibt, und zwar George W. Bush.
"Früher haben Sie das kategorische Nein von Gerhard Schröder kritisiert - wie sehen Sie das heute?", arbeitet Beckmann weiter.
"Ich
habe das kategorische Nein zu dem Zeitpunkt kritisiert, ja, weil es ein
Beitrag dazu war, daß Europa nicht einheitlich aufgetreten ist."
Das
heißt also: Hauptsache Geschlossenheit, egal bei welcher Schweinerei.
Lieber vereint fremde Länder überfallen und Zivilisten abmurksen, statt
über den Kurs verschiedene Meinungen vertreten. Lieber vereint
Kriegsverbrechen begehen und gegen das Völkerrecht verstoßen, als über
genau diese Verbrechen zu diskutieren.
Schlimm
genug - ein weiterer Beweis für Merkels Untragbarkeit als
Bundeskanzlerin. Das war aber nur die Vorspeise, denn nun ging es erst
richtig los:
"Und
heute sehe ich das so, daß wir im nächsten Konflikt, also im Konflikt
mit dem Iran, alles daran setzen müssen, Europa und möglichst Rußland
und China mit den Amerikanern auch zusammenzuhalten. Und das ist bis
jetzt gelungen, und das hat uns im letzten Jahr, den
Bundesaußenminister und mich, ziemlich viel Zeit und Kraft gekostet, und daß es gelungen ist, finde ich richtig und wichtig."
Alles klar?
Punkt
1: Der nächste Konflikt, also Krieg, ist der mit dem Iran. Denn der
letzte Konflikt, der mit dem Irak, war ebenfalls ein Krieg. Und den
kann sie nicht ablehnen, weil sie ja sonst auch den "nächsten Konflikt"
ablehnen müßte. Denn die ganze Sache soll haargenauso noch einmal
durchgezogen werden.
Punkt
2: Merkel wird alles daran setzen, im Krieg mit dem Iran nicht nur
Europa, sondern auch Rußland und China auf eine Linie mit den USA zu
bringen.
Punkt 3: Die Bundeskanzlerin und der Außenminister der
Bundesrepublik haben einen großen Teil ihrer Kraft darauf verwendet,
ein fremdes Land im Dienste der USA zu nötigen und vielleicht sogar,
einen Angriffskrieg vorzubereiten - diesmal aber mit einer
geschlossenen Front.
Vielleicht wissen wir jetzt auch, worauf die deutsche Flotte vor dem Libanon wirklich wartet. Damit
kann man Beckmanns Sendung fast historisch nennen. Leider hat der bis
dahin äußerst eloquente Talkmaster diesen Punkt glatt verschafen. Das
ist aber auch kein Wunder. Fast erscheint das, was die Kanzlerin da
sagt, zu ungeheuerlich um wahr zu sein. Der nächste Krieg steht also
schon fest, und Merkel soll dabei die Zuchtmeisterin der Amerikaner
spielen, die den Laden auf Linie bringt. Für sterbende Frauen, Kinder
und männliche Zivilisten interessiert sie sich den berühmten feuchten
Kehricht. Sie sind ihr nicht mal eine Floskel des Bedauerns wert. Und
glauben Sie ernsthaft, daß sich die Frau um deutsche Zivilisten schert,
egal, ob ihnen nun Arbeitslosigkeit, Hartz IV oder eine schlechte
Gesundheitsversorgung drohen? Natürlich nicht.
Daß
Spiegel Online hinterher über "das aalglatte Medienverhalten eines
Frontkopfes" schimpfte, war da nur recht und billig. Doch leider
meinte das Online-Magazin damit nicht etwa Merkel, sondern den "vor
politischem Unverständnis triefenden" und "unbeholfenen" Beckmann.
Verkehrte Welt: Merkel sei "diejenige, die das Gespräch am Montagabend
nach den ersten, grauenhaft belanglosen 15 Minuten etwas konkretisiert,
quasi moderiert" habe, lobt Spiegel Online. Konkretisiert? Merkel?
"Etwas energischer wirkt Beckmann nur, wenn es um sein Lieblingsthema
Sport geht". Sport? Und was ist mit Beckmanns Fragen zum Irak-Krieg? Nur eine "schlechte Vorlage" und "Kinderkram".
Soso. Damit sagte die Sendung nicht nur viel über die Bundeskanzlerin, sondern auch über die wichtigsten Medien der Republik aus, die verzweifelt versuchten, die entlarvende Wirklichkeit umzufrisieren: "Enthüllungsplauderer",
"vorlauter Schuljunge", "aufgekratzter Konfirmand" schimpfte zum
Beispiel auch die Website der Süddeutschen Zeitung auf Beckmann und
jubelte: "Schüssellochspezialist Beckmann musste draußen bleiben."
Sehr schön. Aber welcher Planet?
http://www.sueddeutsche.de/deutschland/artikel/486/94392/
http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,453911,00.html
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