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Archiv: News um die "RAF" vom Feb 2001 bis Juni 2001 PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Gerhard Wisnewski   
Monday, 17. October 2005

Anmerkung des Herausgebers:

Im folgenden lesen Sie Einträge von meiner RAF-Phantom-Seite, die zwischen Februar 2001 und Juni 2001 entstanden, also in den Monaten vor dem 11. September 2001.

Damals waren die Ereignisse rund um die sogenannte "RAF" und vor allem deren 3. Generation für mich der größte Skandal, den ich mir vorstellen konnte. Da hatte ich noch keine Ahnung, daß dieser Phantomterrorismus schon bald von einem viel größeren, globalen Phantomterrorismus abgelöst werden sollte: Den Attentaten des 11. September 2001.

Das Thema Terrorismus schien in diesen Monaten für Viele längst kein Thema mehr zu sein. Die "RAF" hatte 1992 in einem dubiosen "Kündigungsschreiben" ihre "Auflösung" erklärt, in den Jahren danach erschienen alle möglichen Filmchen über die "RAF". Das BKA und die Bundesanwaltschaft bemühten sich, den in Bad Kleinen getöteten Wolfgang Grams posthum zum Haupttäter der 3. Generation zu befördern. Allseits war man also mit untauglichen Versuchen der Aufarbeitung und Interpretation der Vergangenheit beschäftigt. Kaum jemand ahnte, daß man sehr bald noch sehr viel mehr Stoff für künftige Aufarbeitungsprojekte bekommen sollte.

Noch ein Hinweis: Viele Artikel habe ich damals noch nicht datiert, meistens können Sie das Datum jedoch aus dem Zusammenhang ziemlich genau rekonstruieren. Naturgemäß sind viele Links nicht mehr in Betrieb. Aus den Links können Sie jedoch häufig das Datum des jeweiligen Refernz-Artikels erfahren. Auch bieten die zitierten und verlinkten Medien häufig eine Archivsuche an.

Es grüßt Sie herzlich, Ihr

Gerhard Wisnewski

12.10.2005

27.6.2001: Acht Jahre Bad Kleinen

Bingo, Herr Grams!

Der Meisterschütze von Bad Kleinen und seine Trefferquoten

Wer konnte am besten schießen in Bad Kleinen? Der "Terrorist" Grams oder die Polizei? Die Antwort scheint nicht schwer zu fallen, immerhin waren dort nicht nur Beamte des BKA, sondern auch der sagenumwobenen Truppe GSG 9 versammelt. Deren Schießausbildung ist vom Allerfeinsten. Schießen aus Hubschraubern und fahrenden Kraftfahrzeugen steht ebenso auf ihrem Trainingsplan wie Schießen mit Zielfotogerät in realistischen Geisellagen oder Combat-Schießen bei verschiedenen Beleuchtungseffekten und bei Dunkelheit. Die Trefferquote beim Hubschrauberschießen liegt in der Regel bei 85 Prozent.

Obwohl also eigentlich klar sein sollte, wer die Meisterschützen am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen waren, war alles natürlich ganz anders. Laut Bundesregierung sollen die Supermänner in Bad Kleinen rein gar nichts getroffen haben. Die im Combat-Schießen (also im gezielten Todesschuß) ausgebildeten Männer sollen Wolfgang Grams nur unerheblich verletzt haben, und ihren eigenen Mann Newrzella sollen sie selbstverständlich auch nicht erledigt haben. Irgendwie versagte das ganze Schießtraining in Bad Kleinen, und der eigentliche Meisterschütze ist deshalb kein Mitglied der Super-Anti-Terror-Truppe, sondern - wir ahnen es - Wolfgang Grams.

Locker spielt er mit seiner Czeska 75 die ganze Edeltruppe an die Wand und degradiert sie allesamt zu Sonntagsschützen. Der ehemalige Taxifahrer und Hausbesetzer entwickelte wahre James-Bond-Qualitäten.

Alles in allem vollbringt Grams folgende Meisterleistungen:

1. Als er, durch GSG 9-Beamte im Fußgängertunnel aufgeschreckt, die Treppe zum Bahnsteig 3/4 hochrennt, dreht er sich, oben angekommen, um und feuert aus der Drehung heraus mehrmals in den Treppenschacht hinein. Und das in einem Moment, als ihn der verfolgende GSG 9-Mann Newrzella fast schon ergriffen haben soll. Wer sich aus vollem Lauf umdreht, kommt jedoch zwangsläufig dabei zum Stehen. Newrzella hätte Grams also in diesem Moment ergreifen können.

Doch lassen wir diese kleinlichen Zweifel. Aus der Drehung heraus trifft Grams vielmehr den rennenden GSG 9-Mann Newrzella in den 5er Bereich. Das ist beim Combatschießen der absolut tödliche Bereich, bei dem mehrere Lebensadern gleichzeitig zerstört werden können (Herz/Aorta, Luft-,Speiseröhre, Wirbelsäule). Bingo, Herr Grams!

2. Gemach, gemach. Das ist ja noch nicht alles. Vielmehr schaffte es Grams, in der Verfolgungssituation noch zwei weitere Treffer bei dem rennenden Newrzella anzubringen, nämlich in den Beinen und im Gesäß. Und während der Treffer in die Brust einen schrägen Schußkanal von oben nach unten aufweist, sind die Schußkanäle in den Beinen und im Gesäß waagerecht. Mal ganz davon abgesehen, wie man es schafft, von vorne zu schießen und den Gegner in den HIntern zu treffen.

Das alles ist noch nie dagewesen, sollte man meinen. Doch, doch, war es schon. Sowas nennt man Magic Bullet (magische Kugel). Zu solchen Phänomenen kommt es immer dann, wenn Polizeibehörden einen Attentatsverlauf zusammenlügen, pardon, erklären. Daß Kugeln fliegen können wie die Brummkreisel ist erwiesen, seit bei dem Attentat auf John F. Kennedy ein einziges Geschoß gleich mehrere Kurven drehen und verschiedene Personen treffen konnte.

3. Solche Kabinettsstückchen sind für Grams aber nur die Vorspeise. Darüberhinaus soll er auch noch die Newrzella nachfolgenden Beamten mit drei Schüssen getroffen haben, zusammen mit den drei Treffern bei Newrzella macht das sechs.

4. Doch der siebte folgt sogleich. Als nächstes setzt er (immer laut staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen), als er rückwärts vom Bahnsteig fällt, die Waffe an, schießt sich in den Kopf und ist sofort tot. Treffer Nr. 7.

Gesehen hat das übrigens niemand, nicht mal die GSG 9-Beamten, die ihren Gegner doch im Visier gehabt haben müssen. Gesehen haben dagegen mindestens zwei Personen, wie Grams von GSG 9-Beamten auf dem Bahnsteig erschossen wurde. Aber da ein deutscher Staatsanwalt natürlich weiß, daß das nicht sein kann, muß es einfach ganz anders gewesen sein: Auf dem Bahnsteig hat Grams noch gelebt, auf dem Gleis war er tot. Deswegen gibt es nur eine Erklärung: Irgendwo dazwischen muß er sich ganz einfach selbst erschossen haben - also im Fallen.

Und das ist dann sozusagen die finale Meisterleistung. Denn normalerweise ist das so ziemlich ausgeschlossen. Vielmehr wird ein rückwärtsfallender Mensch zunächst reflexartig die Arme ausbreiten. Um diesen Reflex zu unterdrücken, den Entschluß zum Selbstmord zu fassen und durchzuführen, bedarf es komplexer kognitiver und bilanzierender Vorgänge.

Daß diese in jenen Sekundenbruchteilen des Fallens ablaufen und zu einem "todsicheren" Ergebnis führen können, dürfte normalerweise ausgeschlossen sein: Viele Selbstmörder treffen schon in einer Ruheposition nicht richtig, da sie die Waffe nicht unbedingt senkrecht auf den Schädel kriegen, aufgeregt, widersprüchlich sind etc. So zielen sie mitunter an den lebenswichtigen Zentren vorbei und brauchen mehrere Schüsse, werden nur schwer verletzt etc. Nach Untersuchungen in den USA beträgt die Überlebensrate bei Selbstmordversuchen mit Schußwaffen 10 bis 30 Prozent. 1994 überlebte in Massachussetts jedes dritte Opfer einer selbst beigebrachten Schußwaffen-Verletzung zumindest den Transport ins Krankenhaus. 16 Prozent überlebten den Schußwaffenangriff auf sich selbst langfristig. All diese Angriffe wurden natürlich nicht in einer Extremsituation im Rückwärtsfallen und nach einem Schußwechsel mit zahlreichen Gegnern durchgeführt.

Eine zusätzliche Schwierigkeit dürfte das Beharrungsvermögen und damit die Manövrierfähigkeit der Waffe im Fallen sein. Eine geladene Czeska 75, mit der Grams geschossen haben soll, wiegt mehr als ein Kilogramm. Der Schütze hat also im Fallen das Äquivalent einer vollen Milchtüte oder Einliter-Wasserflasche millimetergenau zu manövrieren.

Ein Schelm, wer da ins Zweifeln kommen wollte. Die Bad Kleinen-Ballerstatistik beweist nämlich, daß es sich bei Grams ganz einfach um einen Ausnahmeschützen handelte.

Da sich nach der Schießerei in der Grams zugeschriebenen Waffe noch fünf Schuß befunden haben sollen (vier im Magazin und einer im Patronenlager), kann er maximal elf Schüsse abgefeuert haben. Das Magazin der von ihm angeblich benutzten Czeska 75 faßt 15 Schuß. Bei sieben Treffern (zwei davon Volltreffer, bei sich und Newrzella) wäre das dann eine Trefferquote von über 63 Prozent.

Schauen wir uns zum Vergleich die Bilanz der Supertruppe GSG 9 an. Von angeblich insgesamt 33 abgefeuerten Schüssen sollen die wackeren Mannen bei Grams fünf Treffer erzielt haben. Im Gegensatz zu Grams brachten sie dabei keinen Volltreffer an. Alles in allem macht das nicht etwa die übliche GSG 9-Trefferquote von 85 Prozent, auch nicht die 63 Prozent von Wolfgang Grams, sondern nur 15 Prozent.

Und damit können wir die GSG 9 wohl endgültig von allen Mordvorwürfen entlasten. Denn das ist nun endlich der Beweis, daß sie gegen einen Pistolenhelden wie Wolfgang Grams gar nichts ausrichten konnte.


BLACK OUT BRD

Außen emotional, innen hohl

Der Film Black Box BRD bietet ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie man es schafft, ein hochbrisantes Thema anzufassen, ohne eine der brenzligen Fragen auch nur zu streifen. Fast schon peinlich, wie sich die Autoren durch dieses politische Minenfeld bewegt haben, oder besser: wie sie darüber hinweg geschwebt sind. Da haben sie nun wichtige Freunde und Angehörige eines angeblichen "RAF"-Täters und -Opfers vor die Kamera bekommen und bringen es fertig, von ihnen eigentlich nichts wissen zu wollen. Zum Beispiel:

- wer ihrer Meinung nach die Täter im Fall HH waren
- wie sie sich die notorische Fahndungsmisere erklären
- welche Feinde HH eigentlich wirklich hatte

Eine wirkliche und authentische "RAF" kann nicht zu seinen Feinden gezählt haben, denn HH verfolgte zum Zeitpunkt seines Todes eines der wichtigsten Ziele der Linken: die Entschuldung der Dritten Welt. Die selbsternannten Revolutionäre hätten sich glatt ihren wichtigsten Verbündeten im Establishment weggebombt. Wir dürfen das HH-Attentat jedoch nicht für einen Akt der Dummheit halten - dafür steckte in seiner Ausführung viel zuviel Intelligenz.

Der Film Black Box BRD wird von keinerlei Erkenntnis- oder Vermittlungsinteresse geleitet. Er will nichts verstehen und auch nichts erklären. Er will nur eins: Er will Herrhausen und Grams in Zusammenhang bringen. Black Box BRD erweckt den durch nichts zu rechtfertigenden Eindruck, HH und der angebliche "RAF"-Mann Grams hätten etwas miteinander zu tun gehabt. Er tut dies durch die Auswahl der Personen und das Kinoplakat, auf dem die Konterfeis von HH und Grams verschmelzen. Die Kombination Grams/HH erweckt einen Eindruck, der sich durch keine Ermittlungsergebnisse rechtfertigen läßt und der sich nur schwer wieder auffangen läßt - auch dann, wenn man den Film gesehen hat. Denn entscheidend ist, was hängenbleibt, vor allem auch bei der großen Mehrzahl der Leute, die von dem Film nur GEHÖRT oder GELESEN hat. Denn was übrigbleiben wird von diesem hohlen Werk, ist: Das Herrhausen-Attentat, das war doch irgendwie Grams, da gabs doch mal 'nen Film. Das ist die einzige wirkliche (und durch nichts gestützte) Botschaft des Films - ist dies auch sein einziger Sinn?

Möglich, denn die lange Liste der Förderanstalten im Abspann beweist, daß Black Box BRD in jeder Hinsicht politisch willkommen gewesen sein muß.

Die vielseitig verwendbare Leiche Grams hat mit diesem Film eine erstaunliche Karriere gemacht. Grams kommt nun in Frage für folgende Tötungsdelikte:

- den Polizeibeamten Michael Newrzella in Bad Kleinen 1993
- sich selbst in Bad Kleinen 1993
- Detlev Karsten Rohwedder 1991 (durch angebl. gefundene Haare)
- Alfred Herrhausen 1989

Die letzten beiden Verdachtsmomente werden nicht explizit geäußert, aber der Öffentlichkeit durch angeblich gefundene Beweismittel (Haare von Grams) oder propagandistische Gegenüberstellungen (Black Box BRD) nahegelegt. So wird aus einer Leiche ein Topterrorist, und in dieses Schauspiel paßt Black Box BRD als kleines Rädchen im Uhrwerk bestens hinein.

In Wirklichkeit ist die Täterschaft Grams' in keinem einzigen dieser Fälle erwiesen, und zwar aufgrund massiver Beweismittelmanipulation durch das Bundeskriminalamt am Tatort Bad Kleinen. Es gibt eigentlich keinen Grund anzunehmen, daß das BKA im Fall Grams neuerdings sauber ermittelt und der angebliche Haar-Beweis Hand und Fuß hat. Im Gegenteil ist zu befürchten, daß das BKA mit seiner Beweismittelmanipulation fortfährt, um Grams zum Kerntäter der nebulösen Dritten Generation zu machen. Über Grams können die Fahnder das Blaue vom Himmel herunter behaupten, da ihre Beweise aufgrund des Todes des Beschuldigten keinem Gerichtsverfahren standhalten müssen. So werden möglichst viele der Taten der Dritten Generation in der Person Grams gebündelt, um den Eindruck der Aufklärung zu erwecken. In Wirklichkeit ist gar nichts aufgeklärt, nicht einmal, wer Wolfgang Grams und Michael Newrzella am 27. Juni 1993 wirklich erschoß.

Interessant ist übrigens, was seine Lebensgefährtin Birgit Hogefeld in einem Porträt über ihn schrieb. Nach ihrer intimen Kenntnis war Grams "ein sehr ruhiger, eher in sich gekehrter Mensch. Schon an seiner Art sich zu bewegen, war ihm anzumerken, daß Hektik und jede Form von Streß seinem Naturell zuwider lief."

Sieht so ein Guerillakämpfer aus, der nicht nur perfekte Attentate ausklügelt, sondern auch die kleine Unbequemlichkeit auf sich nimmt, von einem der effektivsten Fahndungsapparate der Welt gejagt zu werden? Natürlich nicht.

Erst wenn man dieses Porträt genauer liest, merkt man, wie schlampig es zusammengefummelt wurde und wieviele Widersprüche in ihm stecken.

So zitiert Hogefeld beflissen "Meine Genossinnen und Genossen aus der RAF". Die Dunkelmänner, die nach Grams Tod ebenfalls ein Psychogramm ihres angeblichen Mitkämpfers fabriziert haben, rühmen »seine Skepsis gegenüber vorschnellen Entscheidungen, seine Geduld, etwas auch mehr als einmal zu hinterfragen, was von allen anderen Genauigkeit in der Auseinandersetzung gefordert hat und was nicht immer bequem war - damit hat er z. B. dafür gesorgt, alle Aspekte der Situation oder der eigenen Vorstellung anzusehen und nicht nur die Aspekte wahrzunehmen, die einen selbst bestätigen.«

Donnerwetter. Und wie konnte es einer von diesem Glanzlicht mitgetragenen "RAF" dann passieren, ausgerechnet einen Mann wie Herrhausen umzubringen? Jemanden, der bereits die Forderungen der grünen Opposition im Bundestag und der Kritischen Aktionäre der Deutschen Bank vertrat?

Solche Annahmen können eigentlich nur auf einem Black Out beruhen - auf einem Black Out BRD.


Im Labor der Bundesanwaltschaft: Wie ein RAF-Phantom entsteht

Neue "RAF" wird an den Haaren herbeigezogen/Behörde zeigt Nerven

So ärgerlich die substanzlose Geschichte mit der angeblichen "Neuen RAF" auch ist - wir dürfen für diesen Fall trotzdem dankbar sein. Gibt er uns doch die einmalige Gelegenheit, einen Blick in das Labor der Bundesanwaltschaft zu tun und direkt mitzuverfolgen, wie ein neues RAF-Phantom entsteht.

Man nehme:

- irgendeinen Überfall, am besten Bank oder Geldtransport

- man behaupte: bei diesem Überfall wurden Spuren von bestimmten Personen gefunden

- man behaupte weiter, daß diese Personen Geld nicht nur so rauben, sondern damit bestimmt eine neue Terror-Gruppe gründen wollen

- man speise nun den ganzen Behauptungsbrei in die nationale Pressemaschine ein und würze ihn mit pseudoseriösen Hinweisen, daß dadurch aber noch nichts bewiesen sei - für den Fall, daß das Ganze später als der Käse entlarvt wird, der es ist. Machts nichts: gefressen wird das Futter auf jeden Fall, und sogar nachgewürzt wird es von den Kollegen. Plötzlich gibt es nicht nur einen angeblichen Verdächtigen für den Rohweddermord , nein, das Attentat ist sogar aufgeklärt.

Beweise? Fehlanzeige.

Wie gesagt, dürfen wir für diesen Vorgang dankbar sein, denn so und nicht anders ist bereits die sogenannte Dritte Generation der "RAF" entstanden - als PR- und Medien-Operation der Bundesanwaltschaft. Über Taten mit einem ganz anderen Hintergrund stülpte sie ihre Behauptungsglocke und behinderte so auch ernsthafte Ermittlungen in die richtige Richtung.

Zum Detail:

Nicht nur am Rohwedder-Tatort, nach Zeitungsberichten sollen nun auch noch am Herrhausen-Tatort Haare gefunden worden sein. Das kann nur eins heißen: eine neue "RAF" soll an den Haaren herbeigezogen werden.

Die neuen Erkenntnisse dürfen wir dem "Spiegel" vom heutigen 21.5.01 entnehmen, und altbekannte Scharfmacher wie Rupert Scholz (Doktorvater von Peter Gauweiler) ermahnen nun zur "Wachsamkeit". Die neuen Mitglieder der "RAF" besäßen «unveränderte terroristische Militanz», warnte Scholz in der Berliner Zeitung «B.Z.»

Wir haben uns jahrelang mit den Unterlagen zu diesen beiden Tatorten beschäftigt; von Haaren war dort nie die Rede. Selbst das Bundeskriminalamt räumte am 21.5.01 gegenüber einem Redakteur der Talksendung "Maischberger" ein, daß in seinen Verlautbarungen von einem Handtuch und Haaren am Rohwedder-Tatort noch nie die Rede war. Das ist merkwürdig, denn die restlichen Gegenstände am Tatort wurden genau beschrieben: Der Gartenstuhl, das Fernglas, die Patronenhülsen (redet eigentlich noch jemand von denen?). Bereits bezüglich wesentlich einfacher zu identifizierender Funde am Tatort haben sich die Ermittler schon unmittelbar nach dem Herrhausen-Attentat in Widersprüche verwickelt. Zum Beispiel konnten sie sich nicht einigen, ob sie den für eine Lichtschranke notwendigen Reflektor nun gefunden haben oder nicht. Zumindest am Herrhausen-Tatort kann es auch keine Haare gegeben haben, jedenfalls keine aussagekräftigen. Denn hier handelt es sich um eine relativ stark frequentierte Straße, durch die auch Busse fahren. Außerdem bewegen sich in diesem Bereich zahlreiche Schulkinder, Busfahrgäste und Besucher der Taunustherme, die wahrscheinlich alle zusammen dort täglich Hunderte von Haaren verlieren.

Es ist also ohnehin schon sehr schwierig, hier irgendwelche gefundenen Haare dem Tatort beziehungsweise Tatvorgang zuordnen zu wollen. Der Herrhausen-Tatort ist aber überdies ein ganz besonderer Tatort. Denn hier gab es eine enorme Explosionsdruckwelle - nämlich der Bombe, die Herrhausen tötete. Sie sorgte dafür, daß sich die nicht lange vor dem Attentat verstärkten Scheiben des in der Nähe befindlichen Hallenbades "Taunus-Therme" erheblich durchbogen. Was hat sie erst mit irgendwelchen Haaren angestellt, die vielleicht im Bereich des Tatortes lagen?

Auf ähnliche Schwierigkeiten stößt man prinzipiell natürlich auch am Rohwedder-Tatort: Gärten, Gras, Wiesen, Wind und Wetter (1. April). Haare verflüchtigen sich dort schnell, können andererseits aber auch schnell dorthin verschleppt werden. Zwar hat man die Haare angeblich auf einem Handtuch gefunden. Dafür müßte aber erstmal zweifelsfrei geklärt werden, daß das Handtuch von den Tätern stammt und nicht schon lange da lag oder sogar dort platziert wurde.

Soweit die jüngsten Konstruktionen zum Thema "Dritte Generation".

Der Verdachtsmoment in Sachen "Neue RAF" ist ein Überfall auf einen Geldtransporter in Duisburg-Rheinhausen mit mehr als einer Million Mark Beute am 30. Juli 1999. Dabei konnten angeblich nicht näher beschriebene "Abriebspuren" im Fluchtfahrzeug und Speichelreste in einem bei dem Raub verwendeten Motorradhelm mit Hilfe einer DNS-Analyse den beiden angeblichen "RAF" Leuten Staub und Klette zugeordnet werden. Angeblich, wohlgemerkt, denn die Hilfsbehörde der Bundesanwaltschaft, das BKA, ist am letzten angeblichen "RAF"-Tatort durch massenhafte Manipulation von Beweismitteln aufgefallen: Bad Kleinen. Einer solchen Ermittlungsbehörde kann man natürlich kein Vertrauen mehr schenken. Das gilt auch für die oben genannten Fälle.

Die Spuren an Helm und Auto reichen für sich genommen jedoch ohnehin nicht: Vielleicht hatten die beiden die Utensilien nur verliehen, so wie unser Bundesaußenminister seinen VW-Bus, in dem immerhin Waffen transportiert wurden? Wenn solche "Beweise" zwingend wären, dann gehörte es sich doch, daß der Generalbundesanwalt umgehend Herrn Fischer auf die Anklagebank setzt.

Man sieht: Wenn die Bundesanwaltschaft einen Verdacht äußerst, heißt das erstmal noch lange nichts. Und zwar auch und vor allem deshalb, weil ihre Verdachtskonstruktionen in der Vergangenheit am laufenden Meter in sich zusammenbrachen. Die angeblichen Top-RAF-Leute Christoph Seidler (früher als Herrhausen-Täter verdächtigt) und Barbara Meyer mußten sang- und klanglos auf freien Fuß gesetzt werden. Andrea Klump (früher ebenfalls HH-Verdächtige) konnte nicht einmal wegen Mitgliedschaft in dem Dunkelmann-Verein verurteilt werden. Schwer zu glauben, daß dann aber ihr in Wien erschossener Lebensgefährte Horst-Ludwig Meyer ein richtiger "RAF"-Mann gewesen sein soll - hatten sich die beiden etwa total auseinandergelebt?

Ausgerechnet die Bundesanwaltschaft, die in den wesentlichen Fragen in Sachen "RAF" in den letzten 15 Jahren überhaupt keinen richtigen Verdacht mehr geäußert hat, will nun erzählen, sie hätte die Spur einer neuen "RAF" entdeckt? Staub und Klette lassen sich jedoch schon mit dem Geldtransporter-Überfall, wenn überhaupt, dann nur locker in Verbindung bringen. Und woraus schließen die Ermittler, die es bei den "RAF"-Attentaten seit 1985 auf eine Aufklärungsquote von Null Prozent gebracht haben, daß ausgerechnet diese Täter nun eine neue "RAF" aufmachen?

Es sei eine "lebensfremde Annahme", daß sich Staub und Klette nun als "normale Schwerkriminelle ohne revolutionäres Ziel" betätigten, meint die Sprecherin der Bundesanwaltschaft. Ist das alles? Indizien, Beweise? Null. Ganz im Gegenteil. Denn der Überfall ist bereits zwei Jahre her. Solange haben sich die beiden, sollten sie es überhaupt gewesen sein, schon als normale Schwerkriminelle betätigt. Für einen Zeitraum von zwei Jahren ist die Behörde also bereits widerlegt.

Solche und ähnliche wilde Behauptungen führen dazu, daß nun selbst treue Anhänger des bundesanwaltlichen Thesen von einem RAF-Phantom von der Bundesanwaltschaft abfallen. "Wenn etwas lebensfremd ist", so die taz, "dann diese Behauptung der Bundesanwaltschaft." Bereits eineinhalb Jahre ist es her, daß die Behörde mit Hilfe des BKA angeblich Spuren vom Tatort des Geldtransportüberfalls als die von Volker Staub identifizierte. Seither ist aber nichts an neuen "Erkenntnissen" hinzugekommen. Woran liegt es also, daß die Bundesanwaltschaft JETZT eine neue "RAF-Generation" aufmacht - mit null Beweisen?

Die Behörde ist verzweifelt. Fortgesetztes Versagen seit mindestens 15 Jahren, Druck von allen Seiten, die Anschläge endlich aufzuklären, zerren an den Nerven. Der Erklärungsdruck macht dem Generalbundesanwalt zu schaffen. Er muß irgendetwas präsentieren. Nach dem offiziellen Ende der "RAF" vor wenigen Jahren hat die Ermittlungsbehörde nun die nackte Existenzangst gepackt.

Das allzu durchschaubare Manöver mit dem angeblichen Grams-Haar, mit dem die Verantwortung für die Anschläge der dritten Generation auf einen Toten geschoben werden soll, reicht zudem nicht mehr aus beziehungsweise hat den Druck noch verstärkt. Deshalb wird nun auf völlige Phantome wie Staub und Klette zurückgegriffen. Den toten Grams hat man immerhin schon mal physisch wahrnehmen können, Staub und Klette geistern immer nur durch die Verdachtskonstruktionen von BAW und BKA, sollen allenfalls mal schemenhaft auf irgendwelchen Fotos aufgetaucht sein.

Beachtlich übrigens, wie die Bundesanwaltschaft einmal mehr ihren eigenen Irrtum als Erkenntnis verkauft. Wenn es nämlich stimmen würde, daß sich die "RAF" nur kurze Zeit nach ihrer Selbstauflösung wieder formiert hätte, wäre das die endgültige Bankrotterklärung für BAW, BKA und Verfassungsschutz. Schließlich haben diese Behörden das "Auflösungspapier" der Dunkelmänner als DIE Abschlußerklärung der "RAF" verkauft und das Kapitel "RAF" in der Bundesrepublik damit offiziell abgeschlossen. April, April?

"Es bleibt der Verdacht", schreibt die taz, "dass hinter den letzten RAF-Meldungen die Furcht der Ermittler steht, sie könnten als erfolglos und überflüssig erscheinen."

 

Grams bei den Rechten?

Vergangenheit des Vorzeige-RAF-Manns wird immer dubioser

Der 27. Juni 1993 wird vielen Menschen in Erinnerung bleiben. An diesem Tag kam es zu einer denkwürdigen Schießerei auf dem Bahnhof von Bad Kleinen in Mecklenburg- Vorpommern, bei der zwei Menschen getötet wurden: Der angebliche Terrorist Wolfgang Grams und der GSG 9-Mann Michael Newrzella.

Auch das Ehepaar Knut und Ursel Müller staunte möglicherweise nicht schlecht. Knut und Ursel Müller werden zur Prominenz der rechtsradikalen Szene gezählt. Ursel Müller ist seit 1991 Vorsitzende der Hilfsorganisation Nationaler Gefangener (HNG), die sich um aus ihrer Sicht politische Gefangene aus der rechten Szene kümmert.

Hier ein Zitat aus dem "web gegen rechts" (http://www.parlament-berlin.de/wgr/first.html): "Die 1979 gegründete HNG hatte 1998 450 Mitglieder. Im letzten Jahr konnte sie ihre Mitgliederzahl noch weiter erhöhen. Sie veröffentlicht monatlich die mit einer Auflage von 600 Stück erscheinenden Nachrichten der HNG. Vorsitzende ist seit 1991 Ursula Müller. Der HNG gehören fast alle führenden Köpfe der rechtsextremistischen Szene an. Die HNG vermittelt Anwälte für rechte politische Gefangene und auch finanzielle Hilfen für deren Angehörige. Desweiteren betreut sie Gefangene, die in der Regel nach der Haftentlassung der Organisation beitreten."

Knut und Ursel Müller staunten deshalb wahrscheinlich nicht schlecht, weil ihnen eine der beiden Leichen vom 27. Juni 1993 bekannt vorkam. Bisher dachten sie allerdings, dieser Mensch sei einer von ihnen gewesen: Wolfgang Grams. "Laut Kamerad Kurt Müller hatte Grams gerne und mit Interesse an den regelmäßigen Kameradschaftsabenden bei den Müllers in Mainz teilgenommen", schreibt die rechte Zeitschrift "Zentralorgan" (4/98). Dasselbe Blatt veröffentlichte ein Interview mit Frau Müller.

Danach kam Wolfgang Grams "an einem Dienstag zu unseren wöchentlichen Treffs, wann das genau war, weiß ich heute nicht mehr, jedenfalls vor seiner 'RAF'-Zeit." Er habe reges Interesse an den politischen Aktivitäten der Rechten gezeigt, sich aber nicht aktiv beteiligt.

Besonders in Erinnerung geblieben ist Frau Müller, daß Grams die Gruppe "immer zu Gewalttaten aufforderte und drängte." Der Kontakt mit ihm habe geendet, "weil wir uns mit seinen Gewaltideen nicht identifizieren konnten, jedenfalls nicht in der Tat."

Ob Grams ein Antifa-Spitzel oder ein Verfassungsschutz-Spitzel gewesen sei, wisse sie nicht, sagt Frau Müller weiter.

Die Frage ist, ob ein Mann wie Grams wirklich zum Vorzeige-RAF-Mann der Bundesanwaltschaft taugt: Was trieb Wolfgang Grams bei den Rechten? Stachelte er sie wirklich zu Gewalttaten an und warum? Ging es ihm nur um Gewalt, und um sonst gar nichts?

Wie kann ein Mann mit einer solchen ambivalenten politischen Identität die Energie aufbringen, in der Bundesrepublik "anspruchsvollste" linksterorristische Attentate zu begehen? Attentate, hinter denen, sollten sie wirklich politischen Einstellungen entsprungen sein, zweifellos eine enorme politische Motivation stecken muß.

Immer vorausgesetzt, die Schilderungen von Frau Müller stimmen: Dann würde Wolfgang Grams' Verhalten sehr viel besser zu einem vielseitig verwendbaren V-Mann und Provokateur irgendeines Verfassungsschutzamtes passen, als zu einer authentischen politischen Gruppierung. Eindringen in politische Gruppen und "Initiativeinbringung" zur Begehung von Anschlägen gehören zum typischen Verhalten solcher V-Leute.

Interessanterweise wimmelt es ja im Bereich der angeblichen "RAF" nur so vor lauter V-Leuten:

Der V-Mann Siegfried Nonne behauptete Anfang der 90er Jahre, die angeblichen Herrhausen-Attentäter Christoph Seidler und Andrea Klump bei sich beherbergt zu haben. Nonne widerrief diese Aussage alsbald vor den laufenden Kameras eines WDR-Fernsehteams (bestehend aus den Autoren des "RAF-Phantoms" plus der Fernsehautorin Monika Wagener) und behauptete, der Verfassungsschutz habe ihn zu der Aussage erpreßt. Christoph Seidler stellte sich später und wurde umgehend auf freien Fuß gesetzt. Andrea Klump konnte wegen keines einzigen "RAF"-Anschlages verurteilt werden.

Der V-Mann Klaus Steinmetz schaffte es angeblich, in den "Kern" der "RAF" vorzudringen und am 27. Juni 1993 die angeblichen Terroristen Wolfgang Grams und Brigit Hogefeld ans Messer zu liefern. Steinmetz' Karriere begann nicht etwa als Superermittler, sondern als Kleinkrimineller mit einem Hang zu Autohauseinbrüchen. Einer dieser Einbrüche wurde von den Behörden so sorgfältig dokumentiert, daß sich Steinmetz möglicherweise etwas leichter zu einer Zusammenarbeit mit den Behörden entschließen konnte.

(Das sind nur die wichtigsten Beispiele für V-Leute im Terrorismus-Bereich. Weitere finden sich im "RAF-Phantom".)

War dann Bad Kleinen vielleicht bloß ein Treffen unter V-Männern und vielleicht sogar V-Frauen (denn schließlich fragt sich ja, ob seine "Geliebte" Hogefeld ähnlichen Aktivitäten nachging wie Grams), aus dem die Behörden dann die Festnahme der "RAF-Kommandoebene" inszenierten?

Gut möglich. Vielleicht aber auch nicht.

Fest steht nur, daß, wenn die Schilderungen über Grams' Vergangenheit stimmen, sich die Bundesanwaltschaft einen neuen Kronzeugen für die Existenz der furchtbaren "Dritten RAF-Generation" suchen muß.

 

Bei Herrn Leyendecker klingelts nicht

SZ-Chefenthüller tappt bei RAF-Spurensuche im Dunkeln

Eine Spurensuche in Sachen "RAF" sollte es werden, und das Publikum durfte gespannt sein, was der Chefenthüller ("Spendenaffäre") der Süddeutschen Zeitung im SZ-Magazin vom 11.5.2001 wohl an Erkenntnissen zu bieten haben würde über jene geheimnisvollen Mörder, die seit 1984 unerkannt unter dem Label "RAF" morden. Zunächst mal fällt das geradezu liebevolle Verständnis auf, das der angebliche Enthüller für die auf der ganzen Linie gescheiterten Fahnder aufbringt. Wer mit Amokläufern um die Wette renne, könne noch so tüchtig sein, am Ende müsse er doch "wegen Seitenstechens aufgeben", meint er.

Arme Kerle, diese Fahnder. Aber logisch ist das nicht. Denn Amokläufer veranstalten zwar alles Mögliche, aber daß sie besonders schnell rennen können, ist bisher noch nicht nachgewiesen worden. Leider geht es in der Argumentation von Herrn Leyendecker, der hier einen auffällig engen Schulterschluß mit dem BKA demonstriert, ähnlich schief weiter. Für einen angeblich unabhängigen Journalisten lobt Leyendecker die Beamten vom Bundeskriminalamt auf peinliche Weise in den höchsten Tönen: "Seit anderthalb Jahrzehnten mühen sich Dutzende der besten Kriminalisten, der versiertesten Staatsschützer, der gewieftesten Zielfahner, die dritte Generation der Rote Armee Fraktion (RAF) zu fassen, doch die Jagd nach den Killern führte ins Nichts."

Genau hier müßte es eigentlich bei einem zünftigen Enthüller klingeln: Was ist da los? Woher diese auffällige Unfähigkeit bei den Behörden? Schließlich wurde beispielsweise das "Superhirn" Thomas Drach, Entführer von Jan Philipp Reemtsma, bereits nach zwei Jahren gefaßt. Seine Spur hatte das BKA sogar noch wesentlich früher aufgenommen. Daß er sich in einem völlig anderen Teil der Welt verkroch, nützte ihm gar nichts. Und woran liegt das? Eben daran, daß solche Verbrechen nicht im luftleeren Raum verübt werden können: weder Entführungen noch Morde. Es gibt immer Spuren, Zeugen, Komplizen und Helfershelfer, mit deren Hilfe man schließlich auf die Fährte des Täters kommen kann - wenn man will. Von den Mördern von Siemens-Vorstand Karl Heinz Beckurts (ermordet 1986) und anderen will das BKA jedoch seit 15 Jahren nicht die leiseste Spur zu Gesicht bekommen haben. Doch bei Herrn Leyendecker klingelt gar nichts. Statt dessen sollen wir glauben, daß es irgendjemandem hierzulande gelingt, ein knappes halbes Dutzend höchster Repräsentanten des Staates und der Wirtschaft zu ermorden, ohne daß es auch nur die leiseste Hoffnung gibt, ihn zu fassen. Das perfekte Verbrechen, und zwar gleich mehrfach?

Kein Wunder, daß hier Zweifel aufkamen, ob die "RAF" diese Morde überhaupt wirklich verübt hat - jedenfalls bei anderen Journalisten kamen diese Zweifel auf. Zumal fast alle auf den Fahndungsplakaten als Mitglieder der dritten Generation Gesuchten inwischen wieder aufgetaucht sind und die Beschuldigungen gegen sie in sich zusammenbrachen.

Es ist noch nicht lange her, da ließ der Generalbundesanwalt die Fahndungsplakate abhängen. Seither wurden die alten Gesichter nicht durch neue ersetzt. Totale Kapitulation. Für einen Journalisten eigentlich ein Alarmzeichen. Doch Herrn Leyendecker scheint nur eins wichtig zu sein: Daß es die "RAF" gewesen sein soll. Daran klammern sich die angeblich so unwissenden Fahnder fest und Leyendecker hilft ihnen dabei: "Dass hinter den Morden, trotz allem Geraune (das Geraune ist 465 Seiten stark und heißt "Das RAF-Phantom" - das nur nebenbei; G.W.), die RAF steckte, haben die Täter in ihren Bekennerschreiben mit der Sorgfalt deutscher Notare selbst beurkundet."

Da darf man gespannt sein - deutsche Notare gelten schließlich als besonders gewissenhaft. Sie prüfen Identitäten sorgfältig und erkennen Unterschriften nur nach Vorlage eines Lichtbildausweises an. In Sachen "RAF" bietet Leyendecker folgende "Beweise" für die Identität der Täter an:

- Sie frankierten ihre Post immer mit Briefmarken, die Frauenmotive zeigten

- bei den fiktiven Absenderangaben war der Vorname stets abgekürzt

- die Tarnadresse hatte grundsätzlich mit Bäumen zu tun

- bei allen "Erklärungen" seit 1986 wurde nur Papier mit dem Wasserzeichen "Römerturm Klanghart" verwendet

Vorausgesetzt, das alles würde stimmen: hätte jemand mit diesen Merkmalen eine Chance, vor einem Notar einen Identitätsbeweis anzutreten? Natürlich nicht. Hätte irgendjemand anhand dieser "Beweise" eine Anklage zu vertreten, würden sich Gericht und Verteidigung kaputt lachen. Nur spaßeshalber habe ich einmal eine Druckerei nach diesem Wasserzeichen gefragt. Es wurde mir versichert, daß es „bei jedem Druckbetrieb“ erhältlich ist.

Aber da war doch noch der sagenhafte "RAF"-Stern? Fehlanzeige: Selbst Leyendecker räumt ein, daß die angebliche „RAF“ gleich zwei davon verwendete:

- entweder ein roter, fünfzackiger Stern mit den weißen Großbuchstaben RAF auf schwarzer Maschinenpistole

oder

- ein rot umrandeter weißer, fünfzackiger Stern mit den weißen RAF-Lettern auf dem Hintergrund einer roten Maschinenpistole.

Zwei Unterschriften also? Herr Notar, übernehmen Sie!

Bei all diesen Ausführungen ist überdies besonders interessant, was Herr Leyendecker unterschlägt. Zum Beispiel,

- daß eine "Erklärung" noch kein Bekennerbrief ist. Bei den "RAF"-Erklärungen handelt es sich vielmehr um von Anschlägen losgelöste politische Pamphlete. Wobei auch hier das Wasserzeichen,wenn es denn vorhanden sein sollte, natürlich gar nichts beweist

- daß die Bekennerbriefe selbst zum Teil nur als Fotokopie bei den Behörden eingingen - wo bleibt da das Wasserzeichen?

- daß auch der "RAF"-Stern dann nur als Fotokopie vorliegt, wie sie jeder anfertigen kann, der irgendwo in einer Zeitschrift einen RAF-Stern sieht, ausschneidet, aufklebt und fotokopiert. Wie die Täter im Fall Beckurts. Dort sieht man deutlich neben dem Stern einen Fotokopie-Schatten, wie er entsteht, wenn etwas ausgeschnitten, aufgeklebt und fotokopiert wird.

Aber selbst WENN die Täter immer dieselben, eindeutig identifizierbaren Markenzeichen verwendet hätten, - was nachweislich nicht stimmt -, und selbst wenn diese Markenzeichen eine authentische Aussagekraft hätten - was nachweislich ebenfalls nicht stimmt: Könnte man dann von einer Identifizierung der "RAF" sprechen?

Nein. Man könnte höchstens davon sprechen, daß die Täter jeweils identisch waren, daß die Taten also immer von denselben Tätern begangen wurden. Der Identität der Täter oder der Gruppe, der sie angehören, ist man damit keinen Schritt näher gekommen. Leute wie Andreas Baader oder Susanne Albrecht (verurteilt wegen des Attentates auf den Dresdner-Bank-Mann Jürgen Ponto) wußten das noch. Sie haben deshalb Papiere mit ihrem Fingerabdruck bzw. mit einer handschriftlichen Unterschrift autorisiert.

Überdies ist das ein wichtiger Bruch in Leyendeckers Argumentation: Man kann nicht behaupten, daß die Fahnder gar nichts wüßten und dann so tun, als wüßten sie aber genau, daß die "RAF" der Täter war. Entweder kann man Spuren verfolgen oder nicht. Entweder kann man ermitteln oder nicht.

Das peinlichste Kapitel in Leyendeckers Traktat kommt am Schluß: Spaltenweise widmet er sich einer kriminalistischen Nullnummer, nämlich der „forensischen Textanalyse“, die behauptet, der Identität von Tätern anhand der Ausdrucksweise näherkommen zu können. Das ist längst als Scharlatanerie entlarvt. Unvergessen ist beispielsweise der Textgutachter, der einen Angeklagten anhand der falsch geschriebenen Abkürzung für „zum Beispiel“, nämlich „z.b.“, als Autor eines Bekennerbriefes überführen wollte. Leider war dem Gutachter nicht aufgefallen, daß er diesen Schreibfehler in seiner eigenen Expertise ebenfalls gemacht hatte.

Wer mit Scharlatanerie argumentiert, sollte vielleicht etwas zurückhaltender sein, anstatt die Arbeit von anderen Journalisten als „Unsinn“ abzuqualifizieren. Warum ein so renommierter Journalist seinen guten Ruf mit einem solch substanzlosen Elaborat zur Verteidigung der deutschen Sicherheitsbehörden beschädigt, wissen wir nicht. Die Autoren des Buches "Das RAF-Phantom" haben Herrn Leyendecker schon vor Jahren ausdrücklich zum Meinungsaustausch eingeladen - ein Angebot, auf das er bis Heute aus unbekannten Gründen nicht eingegangen ist.

 

Ein Haar in der Ermittlersuppe


Bundeskriminalamt findet angeblich Haar von Grams an Rohwedder-Tatort

Am 1. April 1991 starb Treuhand-Chef Detlev-Karsten Rohwedder durch den präzisen Schuß eines Scharfschützen. Aufgrund eines mit „RAF“ signierten „Bekennerschreibens“ stand für die Behörden die Täterschaft der linken Terrorgruppe fest. Der Haken an der Sache: die angeblichen Bekennerschreiben sind kein Beweis für eine Täterschaft, weil sie keine kriminalistisch verwertbaren Merkmale tragen, die einer bestimmten Tätergruppe zugeordnet werden könnten. Siehe dazu ausführlich „Das RAF-Phantom“.

Verdächtig ist desweiteren, daß während kriminelle „Superhirne“ wie der Reemtsma-Entführer Thomas Drach bereits nach zwei Jahren verhaftet werden konnten, zehn Jahre lang angeblich auch nie die leiseste Spur zu dem Mörder von Detlev Karsten Rohwedder führte. Noch länger tappen die Behörden im Dunkeln bei den angeblichen „RAF“-Opfern Karl Heinz Beckurts (1986), Gerold von Braunmühl (1986) und Alfred Herrhausen (1989). Für Morde ist das ganz untypisch. Normalerweise beträgt die Aufklärungsquote von erkannten Morden 95 Prozent, und zwar deshalb, weil es sich bei Morden um sogenannte „Beziehungstaten“ handelt. Nur aus einer starken privaten und/oder geschäftlichen Beziehung heraus erwachsen die mächtigen Motive, die zu einem Mord führen können.

Die „RAF“-Theorie soll die Öffentlichkeit glauben machen, daß es sich hier NICHT um Beziehungstaten handelt, sondern daß sich Terroristen ihre Opfer, mit denen sie sonst nichts zu tun haben, nach irgendwelchen politischen Überlegungen heraussuchen. Das ist jedoch nur eine Cover-Story. In Wirklichkeit stecken auch hinter den „RAF“-Morden mächtige Beziehungsmotive, wahrscheinlich geschäftlicher Natur.

In jedem Fall stehen die Behörden nunmehr seit zehn bis 15 Jahren unter erheblichem Druck zu erklären, warum sie Entführer wie Thomas Drach fassen können, die Mörder höchster Repräsentanten des Staates und der Wirtschaft aber nicht. Die zunächst als „Dritte Generation“ der „RAF“ Verdächtigten brachen einer nach dem anderen weg: Christoph Seidler (zunächst für das Herrhausen-Attentat verantwortlich gemacht) mußte freigelassen werden, ebenso Barbara Meyer. Andrea Klump (ebenfalls in Sachen Herrhausen verdächtigt) konnte ebenfalls nicht für ein „RAF“-Attentat verurteilt werden. Vor nicht allzu langer Zeit mußte der Generalbundesanwalt sogar die Fahndungsplakate abhängen, der Verfassungsschutz räumte die Möglichkeit ein, daß überhaupt keiner der auf den Fahndungplaketen Gesuchten jemals der „RAF“ angehört hat.

Das verstärkt den Erklärungsdruck natürlich erheblich: Wer hat die Attentate denn nun begangen?

In dieser Situation soll den Behörden offensichtlich ein Haar aus der Klemme helfen. Gefunden wurde es angeblich auf einem Handtuch am Rohwedder-Tatort. Das BKA will nun eine moderne Methode entwickelt haben, mit der sich dieses Haar Wolfgang Grams zuordnen lassen soll.

Dazu ist festzustellen:

- Das angebliche Handtuch taucht aus dem Nichts auf. Bisher war noch nie davon die Rede, daß am Rohwedder-Tatort ein Handtuch gefunden worden sein soll.
- Warum sollten so professionelle Täter, die mit Sicherheit in der Lage waren, ihre Spuren an einem Tatort zu kontrollieren, eine solche wichtige Spur hinterlassen?
- Das BKA hat sich nach Aussagen von Experten in der Genanalyse von Haaren bisher noch nie besonders hervorgetan - nun soll es plötzlich die Speerspitze der Forschung bilden?
- Das Haar beweist für sich genommen gar nichts, weil es sich nur um eine indirekte Spur handelt. Eine direkte Spur wäre beispielsweise ein Fingerabdruck an einem fest am Tatort verankerten Gegenstand (z.B. Türklinke). Das Haar kann irgendwie an den Tatort gekommen sein.
- Selbst die Bundesanwaltschaft will Grams auf dieser Grundlage nicht als Tatverdächtigen, ja nicht einmal als Tatbeteiligten einstufen.
- Dieser angebliche Beweis, wofür auch immer, muß weder einem Gerichtsverfahren noch der Überprüfung durch einen Verteidiger standhalten, da Wolfgang Grams seit 1993 tot ist.
- Es fällt doch sehr auf, daß nun ausgerechnet einer der wenigen Toten der vermeintlichen dritten „RAF-Generation“, der sich nicht mehr wehren kann, als Täter für die offensichtlich unaufklärbaren Attentate infrage kommen soll.

Die Frage ist doch, ob die Bundesanwaltschaft irgendwann ein lebendes RAF-Mitglied wird vorweisen können, das eines der Attentate begangen hat.

 

Fernsehfilm über das Herrhausen-Attentat gewinnt Grimme-Preis

Brisanter Pro 7-Fernsehfilm “Das Phantom” wird gleich mehrfach ausgezeichnet/Sind Polit-Thriller im Kommen?

Pressemitteilung

Nach dem 3sat-Zuschauerpreis im November 2000 wird der Fernsehfilm "Das Phantom" erneut prämiert. Der erst 27-jährige Regisseur Dennis Gansel und Hauptdarsteller Jürgen Vogel erhalten nun den Adolf Grimme Preis. Auch der Publikumspreis der "Marler Gruppe" geht an „Das Phantom“: als "Gesamtwerk unter besonderer Berücksichtigung der hervorragenden schauspielerischen Leistungen von Jürgen Vogel und Nadeshda Brennicke".

Der Film beruht auf dem Knaur-Sachbuch "Das RAF-Phantom". Darin wird die These entwickelt, die sogenannte "dritte Generation" der "RAF" sei ein Konstrukt von Dunkelmännern aus Wirtschaftskreisen und Geheimdiensten.

"Für mich ist die Erfolgsgeschichte des Films der Beweis, daß politische Thriller in Deutschland nicht nur eine Chance haben, sondern dankbar aufgenommen werden", sagte einer der drei Autoren des Buches "Das RAF-Phantom", Gerhard Wisnewski, in München. “Überdies sind sie zur Aufarbeitung dunkler Punkte bundesdeutscher Nachkriegsgeschichte auch nötig.”

Dies ist der Erzählkern des Films: Bei einer Routineobservation wird der Kollege des Polizeibeamten Leo Kramer (Jürgen Vogel), Pit Roth (Hilmi Sözer) erschossen. Als Leo Kramer selbst in Verdacht gerät, in den Mord verwickelt zu sein, entwickelt sich eine dramatische Geschichte von Flucht, Verdacht und Verzweiflung. Leo hat nur eine einzige Chance: selbst aufzudecken, was hinter dem Mord an seinem Freund steckt. Dabei gerät er auf die Spur einer Verschwörung, die seit Jahren die dritte Generation der "RAF" steuert und benutzt, um unliebsame Persönlichkeiten aus dem Weg zu räumen. Prominentestes Opfer ist im Film der fiktive Finanzminister Hausmann, der der Dritten Welt einen Teil ihrer Schulden erlassen will.

Damit spielt “Das Phantom” auf eine zentrale Recherche aus dem Buch “Das RAF-Phantom” an: das Attentat auf Deutsche-Bank-Vorstand Alfred Herrhausen im November 1989, der sich für einen Schuldenerlaß gegenüber den ärmeren Ländern stark machte.

"Mit dem Film ist es gelungen, die Hauptthese des Buches optimal zu verdichten und aufzubereiten", lobt "RAF-Phantom"-Autor Wisnewski. Im Namen seiner beiden Mitautoren Wolfgang Landgraeber und Ekkehard Sieker gratulierte er der Becker&Häberle Filmproduktion zu diesem Erfolg.

“Allerdings muß man die Preisträger auch ein wenig vor der wohlwollenden Umarmung der Grimme-Jury in Schutz nehmen”, sagte Wisnewski. Diese habe nämlich behauptet, Regisseur Gansel (der in der Begründung der Jury als “Werbefilmer” vorgestellt werde) gehe es gar nicht um Gesellschaftskritik: “Die düstere Ahnung, dass dieser Staat im Innersten korrupt ist und in seiner Allmachtsphantasie sogar über Leichen geht„, sei, so die Grimme-Jury, „keine politische Anklage mehr„, sondern bloß „Ausgangspunkt einer spannenden Krimistory„.

„Der Versuch, diesen Film zu entpolitisieren, ist eher peinlich und muß scheitern“, meinte dazu „RAF-Phantom„-Autor Wisnewski: „Da war die Jury der Marler Gruppe schon couragierter“. „Mutig und realistisch“ fand sie „die von den Autoren aufgeworfene Frage: Spielten bei dem Attentat auf Finanzminister Hausmann im Jahre 1990 Machtmissbrauch, Korruption und Intrigen seitens der Regierung tatsächlich eine Rolle?“

Die Preisverleihung findet am Freitag, 23. März 2001, in Marl statt.

Weitere Infos:
www.raf-phantom.de
www.das-phantom.de