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Erfurt-Amok: Der Dritte Mann (Teil 2) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Gerhard Wisnewski   
Thursday, 8. May 2008

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Das Gutenberg-Gymnasium nach der Renovierung 2005
Foto: Chr. Hoffmann

Ende April fand in Erfurt eine Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufes vom 26. April 2002 statt. Während die Menschen emotional mit dem Geschehen fertig zu werden versuchen, ist der Fall alles andere als aufgeklärt. Im 1. Teil dieser Serie kristallisierte sich immer deutlicher heraus, dass mindestens zwei Hauptpersonen an dem Geschehen beteiligt waren: Steinhäuser und ein unbekannter Vermummter. Aber gab es noch einen Dritten? Lesen Sie hier weiter:

Bei dem toten Steinhäuser werden weder Drogen, noch Ohrstöpsel gefunden. Auch von einer Vermummung der Leiche wird nichts berichtet. Der Gehörschutz und die Vermummung weisen daraufhin, daß der wirkliche Täter durchaus daran dachte, den Tag zu überleben: Denn beides ergibt nur Sinn, wenn der Täter damit rechnete, weiterzuleben.

Damit haben wir also zwei Hauptpersonen:

1. den mit dem Hausmeister redenden Steinhäuser
2. den aus der Toilette stürmenden Verdächtigen


Hier finden Sie Teil 1


In Wirklichkeit gibt es aber drei, und zwar deshalb, weil mindestens 40 Zeugen zwei (teilweise gleichzeitig auftretende) Täter gesehen haben. Ferner sahen fünf Zeugen ein gelbes Ornament oder einen Stern auf der Brust des Täters, andere sahen dies nicht. Schüler, die sich in die Bibliothek im Keller geflüchtet hatten, tippten dort zwei Täterbeschreibungen von zwei Männern in einen Computer, die sie nicht »Steinhäuser« nannten:

»1. mann. Schwarze sturmmaske/kaputze, pistole, silberne und schwarze shootgun, ca. 170 cm, schwarze kleidung, schlank.
2. mann. etwas dicker, grau/silberne Jacke, etwas größer als der andere, ca. 180 cm.« (Rechtschreibung übernommen)

Da Steinhäuser nach Lage der Dinge um diese Zeit sehr wahrscheinlich bereits tot in der Toilette lag, kann das nur heißen, daß es neben dem toten Steinhäuser zwei unbekannte Killer gab.

Nicht doch. Denn gegen Ende des Amoklaufs soll der (oder einer der) Täter ja auch ohne Maske gesehen worden sein.

1. von zwei schulfremden Handwerkern. In dem offiziellen Untersuchungsbericht wird aber nicht explizit behauptet, daß sie Steinhäuser »identifiziert« hätten.
2. von dem berühmten Lehrer H., der Steinhäuser in einem Anfall kaltblütigen Heldentums vor Raum 111 im ersten Stock gestellt und anschließend hineingeschubst haben will. Ein Vorgang, der auf beträchtliche Zweifel stieß. 
 
Bei beiden Begegnungen habe Steinhäuser die Maske abgesetzt. Pardon: »Steinhäuser«. Denn beim ersten Mal wird eine Identifizierung, wie gesagt, nicht behauptet. Und über das zweite Mal wird gleich zu reden sein. Zuvor aber die Frage: Warum hat Steinhäuser die Maske dann jemals aufgesetzt? Warum der ganze Aufwand mit der Umzieherei, wenn er sein Gesicht ohnehin zeigen wollte?

Die positive Identifizierung des unmaskierten Robert Steinhäuser vor Raum 111 im ersten Stock bleibt also einzig und allein an dem Lehrer H. hängen. Er habe sich in Raum 111 befunden, als er draußen ein Geräusch gehört habe, hat er ausgesagt. Daraufhin habe er vorsichtig die Tür geöffnet und Robert Steinhäuser vor sich stehen gesehen:

»… in einem knappen Meter halbschräg rechts von mir, die Hand am Kopf, die Maske zu 90 % runter, sodass ich das Gesicht sehen konnte. Das Gesicht war schweißüberströmt, die Haare waren angeklatscht, ihm flossen hier (Herr H. zeigte rechts und links eine Spur von den Schläfen herab) so die Tröpfchen noch runter, sodass er im Grunde genommen auch von der Atmung her ziemlich heftig atmete – ich will nicht sagen außer Atem war, aber ziemlich heftig atmete – und hielt den Revolver auf mich. Ich habe nicht gewusst, dass es ein Revolver war, habe nur dieses schwarze längliche Gebilde auf mich starr gerichtet gesehen und hatte aber in dem Moment auch erkannt, dass es sich um Robert handelte. Zu diesem Zeitpunkt fiel mir der Nachname überhaupt nicht ein, den habe ich erst unten in dem Sekretariat wieder erfahren. Ich rede meine Schüler in der Regel nur mit Vornamen an und hab mit den Nachnamen dann immer ein bisschen Schwierigkeiten. Und als wir uns so gegenüberstanden, da habe ich zumindest eins gewusst: erschießen kann er dich, aber hinknien wirst du dich nicht. Ich hab dann so an meinen Oberkörper gefasst und hab dann eben gesagt: du kannst mich jetzt erschießen. Da zögerte er so, ich guckte ihn an, wir hatten wirklich einen Augenkontakt, wir haben uns fest in die Augen geguckt und da sehe ich dann so – wenn man so grade guckt, man hat ja immer so eine Amplitude, dass man auch sieht, was ist links, rechts, oben und unten –, so langsam sehe ich, wie der Revolver nach unten geht und er sagt so: Herr H., für heute reichts. (…) da habe ich nur gesagt: Wir müssen uns unterhalten und da kommste dann am besten rein. (…) Ich bin raus, habe die Tür weit aufgemacht ... und sage: Bitte Robert, geh du rein. ... In der damaligen Situation habe ich rein instinktiv gehandelt. (…) Und da hab ich im nächsten Moment gedacht, was machste denn jetzt mit ihm da drin, was? Das war so unfair natürlich auch mit, für andere Außenstehende. Also der steht vor mir, breitschultrig. Ich seh dieses silberne Ding da hinten darauf. Hab ich ihm einen kräftigen Schubs – und ich kann schubsen – gegeben und habe die Tür zugeklatscht, Schlüssel rein, abgeschlossen und bin runter gerannt.« (Untersuchungsbericht vom 19. April 2004)

Anschließend soll Steinhäuser in Raum 111 Selbstmord begangen haben.

Problem Nr. 1: Für diese Schilderung gibt es keinen einzigen Zeugen.

Problem Nr. 2: Steinhäuser und H. waren verfeindet. Warum hätte er – wie zuvor schon die Rektorin A. – ausgerechnet ihn verschonen sollen:

– »Nach den Angaben des Freundes B. ist Robert Steinhäuser öfters mit dem


Lehrer H. angeeckt, dieser habe Robert Steinhäuser öfters auf die Palme gebracht. (...) Herr H. sei einerseits beliebt gewesen, andererseits sei er auch belächelt worden, er sei aber nicht gehasst worden. Er sei sehr impulsiv und als schillernde Figur zu bezeichnen.

– Nach den Angaben des Freundes C. habe Robert Steinhäuser gegenüber Lehrer H. eine totale Antipathie gehabt.

– Nach den Angaben des Freundes F. habe Robert Steinhäuser mit dem Lehrer H. ziemliche Probleme gehabt. H. habe ihn mehrmals vor der Klasse fertig gemacht. In solchen Fällen habe Robert Steinhäuser geäußert, dass er Lehrer H. am liebsten umbringen würde. Die Phase habe 4 bis 6 Wochen gedauert.

– Nach Angaben des Schulfreundes L. habe Robert Steinhäuser in der Vergangenheit Äußerungen getätigt, dass er Gewalt gegen Personen anwenden möchte. Es habe einen Konflikt mit dem Lehrer H. gegeben. Bei seinen Äußerungen ›Man müsste den erschießen‹ hätte er sich nicht nur auf Lehrer H. bezogen, sondern immer auf den Lehrer, mit dem er gerade Probleme gehabt habe. Dies seien vor altem die Lehrer H., S., W. und E., aber auch die Schuldirektorin gewesen.« (Untersuchungsbericht)

Auf die ebenfalls nicht geschossen wurde, darf man hinzufügen.

Problem Nr. 3: Steinhäuser wurde wie gesagt sehr wahrscheinlich nicht in Raum 111 aufgefunden. Vielmehr deuten Äußerungen von Polizeibeamten daraufhin, daß er in der Toilette im Erdgeschoss gefunden wurde. Ob in Raum 111 überhaupt eine Leiche aufgefunden wurde, ist fraglich. Denn der angebliche Tote wird in dem Untersuchungsbericht nicht beschrieben. Jedes Detail wird peinlich vermieden:

– Wie sah die Person aus?
– Wie war die Person bekleidet?
– War sie maskiert oder nicht?
– Wo und in welcher Lage wurde sie aufgefunden?
– Wo genau befanden sich die Waffen?
– Welche und wie viele Verletzungen wies der Tote auf?
– Welche Gegenstände (außer Waffen) wurden bei der Leiche noch gefunden?

Problem Nr. 4: Neben dem Lehrer hielt sich auch der Täter vor Raum 111 auf. Das beweisen die vor der Tür von Raum 111 aufgefundenen Ohrstöpsel der Marke Lärmstop.

Problem Nr. 5: Warum hätte der suizidale Steinhäuser die Ohrstöpsel entfernen sollen?

Die Frage, ob Lehrer und (einer der) Täter ein- und dieselbe Person waren, wird hier keineswegs zum ersten Mal gestellt. Vielmehr wurde der Lehrer sogar nach eigenen Angaben von der Polizei zunächst als Mittäter verdächtigt: »Einsatzleiter Rainer Grube erklärte damals sogar öffentlich, dass man mir nicht trauen könne«, erklärte H. selbst in einem Gespräch mit der Zeitschrift SuperIllu. »Ein Beamter fragte mich ernsthaft, ob ich Kaffee mit Steinhäuser getrunken hätte. Die wollten mich zu seinem Komplizen machen.«

»Das Einsperren des Täters Robert Steinhäuser durch den Lehrer H. im Raum 111 der Schule hat in der Wahrnehmung der Öffentlichkeit erhebliches Aufsehen erregt«, räumt der offizielle Untersuchungsbericht ein. »Zunächst wurde er für sein mutiges Handeln mit Anerkennungsbeweisen überhäuft, kurze Zeit später wurde die Wahrheit seiner zum Einsperrungsvorgang gemachten Angaben in der Medienberichterstattung und in der öffentlichen Diskussion zunehmend in Frage gestellt. Dies führte sogar teilweise dazu, dass er von Bürgern beschimpft und bedroht wurde, weil er angeblich den Tod des Robert Steinhäuser verursacht habe.«

Das Mißtrauen ist verständlich, denn fasst man die Fakten zusammen, ergibt sich Folgendes:

– Der Lehrer war mit Steinhäuser verfeindet,
– tot war aber nicht der Lehrer, sondern Steinhäuser.
– Der Lehrer hielt sich in und vor Raum 111 auf,
– die Ohrstöpsel des Täters waren vor Raum 111,
– die Waffen waren in Raum 111,
– aber Steinhäuser war nicht in Raum 111.

Der Fall hat aber noch eine politische Dimension, die über eine mögliche, wie auch immer geartete Privatfehde weit hinauszeigt. Denn just am selben Tag, dem 24. April 2002, wurde im Bundestag ein neues Waffenrecht verabschiedet. »Der Amoklauf am 26. April 2002 in Erfurt führte dann dazu, dass das im Bundestag am selben Tag bereits verabschiedete Waffengesetz noch einmal auf den Prüfstand gestellt und dann angepasst wurde«, heißt es in einer Broschüre des bayerischen Innenministeriums. Tatsächlich wurde das Gesetz, auf das sich bis zum 26. April 2002 alle Beteiligten geeinigt hatten, nach Erfurt nochmals erheblich verschärft und mit Schikanen versehen. Unter anderem müssen sich alle Personen unter 25 Jahren, die eine Feuerwaffe erwerben wollen, auf ihren Geisteszustand untersuchen lassen. Sachverstand war dabei nicht im Spiel. Denn mit dem Gesetz hatte der Massenmord von Erfurt überhaupt nichts zu tun. Schon das alte Waffenrecht hätte ausgereicht, dem angeblichen Täter Steinhäuser bereits im November 2001 die Waffen abzunehmen.  

Aber Behördenversagen war nach Erfurt offiziell kein Thema.

Weder

– warum die Behörden Steinhäuser die Waffen nicht entzogen hatten,

– noch, warum schwer verletzte Opfer stundenlang hilflos in ihrem Blut lagen, bevor sie starben,

– noch, warum der Fall Erfurt nicht einmal ansatzweise aufgeklärt wurde.

Es bleibt deshalb festzustellen, daß der »Amoklauf« von Erfurt mit dem Sündenbock Steinhäuser ohne die »untätige Mithilfe« der Behörden so nie möglich gewesen wäre.