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Erfurt-Amok: Der Dritte Mann (Teil 1) PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Gerhard Wisnewski   
Tuesday, 6. May 2008

steinh-bild020427.jpgEs ist erst ein paar Tage her, da fand in Erfurt eine Gedenkfeier statt – nämlich für die Opfer des berüchtigten Schulmassakers vom 26. April 2002. Ein Einzeltäter namens Robert Steinhäuser soll damals im Gutenberg-Gymnasium 17 Menschen erschossen haben, einschließlich sich selbst. Nun klagen Journalisten und Behörden Tote zwar besonders gerne an. Was bei all dem Medienrummel aber leicht vergessen wird: In Wirklichkeit wurde Robert Steinhäuser juristisch keineswegs angeklagt und auch nicht rechtskräftig verurteilt.


Neben Trauer ist die beste Würdigung der Opfer eines Mordes in einer rückhaltlosen Aufklärung ihres Ablebens zu sehen. Genau das ist aber bis heute nicht geschehen. Lassen Sie uns der Opfer also ein zweites Mal gedenken, diesmal durch den Versuch, einige der größten Umgereimtheiten im Fall Erfurt zu betrachten.


Bis heute ist beim Schulmassaker von Erfurt nichts, wie es scheint. Wie das? Schließlich ist doch alles klar: Am 26. April 2002 marschierte der ehemalige Schüler Robert Steinhäuser in das Gutenberg-Gymnasium in Erfurt und erschoss 16 Menschen und am Ende sich selbst. Motiv: Rache für den Rauswurf durch die Direktorin A. Binnen zehn Minuten soll der Täter der Reihe nach drei Stockwerke abgeklappert, durch die langen Gänge gelaufen sein, in zahlreiche Unterrichtsräume gesehen und natürlich geschossen haben. Folgt man dem offiziellen Untersuchungsbericht des thüringischen Justizministers vom 19. April 2004, muß er etwa (teilweise treppauf und treppab) 500 Meter zurückgelegt, 72 Schüsse abgegeben, 17 Menschen getötet (einschließlich seiner Person) und eine Person verletzt haben. Das macht ein bis zwei Morde, sieben Schüsse und 50 Meter pro Minute, wobei der Täter die Opfer teilweise verfolgte und mehrmals beschoss, wodurch 95 Prozent der Angeschossenen ums Leben kamen.

Der kleine Schönheitsfehler dieser Version: Für einen Einzelnen ist das nicht zu schaffen. Rekonstruktionen ergaben, daß ein einzelner Täter die Tat in den veranschlagten zehn Minuten nicht hätte bewältigen können. Setzen wir uns also auf die Spur von Robert Steinhäuser durch das Erfurter Gutenberg-Gymnasium am 26. April 2002.


gutenb-gym1.jpg 
 Das Gutenberg-Gymnasium nach dem Attentat 2002

Zunächst begegnete er gegen 10.30 Uhr dem Hausmeister im Flur des Erdgeschos­ses und fragte ihn ganz zivil, ob die Direktorin Frau A. im Hause sei. So weit, so gut – für die offizielle Version. Denn Frau A. war niemand anderer als jene Frau, die Steinhäuser nicht lange zuvor von der Schule verwiesen hatte. An ihr Rache zu nehmen, würde also einen – wenn auch fragwürdigen – Sinn ergeben. Die Begegnung fand etwa vier Meter von der Herrentoilette entfernt im Erdgeschoß statt. Und das war's dann auch für lange Zeit mit einem identifizierbaren Robert Steinhäuser. Danach verliert sich seine Spur.

Dass es sich bei der wenig später aus der Herrentoilette stürmenden, total vermummten Gestalt um Steinhäuser handelte, ist lediglich eine Vermutung. Denn

1. niemand hat Steinhäuser sich in der Herrentoilette umziehen sehen,

2. für Steinhäuser hätte es keinen Sinn ergeben, sich umzuziehen.

Denn

a) war er bereits erkannt worden,

b) wollte er sich ohnehin umbringen und konnte nicht damit rechnen, danach unerkannt zu bleiben.

Drittens hat die aus der Herrentoilette stürmende Figur nicht nur einen äußerlichen, sondern offenbar auch einen innerlichen Wandel vollzogen. Hatte Steinhäuser den Hausmeister noch nach der Rektorin A. gefragt, die ihn von der Schule gefeuert hatte, war der Vermummte überhaupt nicht an Frau A. interessiert. Zwar stürmte er ins Sekretariat und erschoss dort eine Sekretärin und die stellvertretende Schulleiterin. Die Direktorin im direkt angrenzenden Zimmer ließ er jedoch unbehelligt.

Kein Zeuge hat Steinhäuser unmaskiert morden sehen. Vielmehr sei er auf seinem blutigen Weg durch das Schulhaus nur mit dem Namen Robert Steinhäuser »in Verbindung gebracht« worden, heißt es im offiziellen Untersuchungsbericht. Eine vielsagende Formulierung.

Der Vermummte kann auch deshalb nicht Steinhäuser gewesen sein, weil der um diese Zeit bereits tot in der Toilette lag. Phantasie? Nicht doch:

– Vielmehr sprach der Leitende Polizeidirektor Grube bei einer Pressekonferenz am selben Tag von einer auf einer Toilette aufgefundenen getöteten Person, was er erst später als Mißverständnis darstellte;

– Aber auch der Polizeioberrat René Treunert soll noch im Herbst 2002 bei einer öffentlichen Veranstaltung erklärt haben, daß der tote Schüler in einer Toilettenbox gefunden worden sei.


Das würde freilich erklären, warum in der Toilette (neben Waffen und Munition) auch eine schwarze Jacke mit der Brieftasche und persönlichen Dokumenten Steinhäusers gefunden wurde – ganz einfach, weil er selber dort lag. Und das würde ferner erklären, warum in Steinhäusers Blut keine Spur von einer Droge gefunden wurde, die einer der Attentäter benutzt hatte. Im Papierkorb der Toilette fanden sich nämlich zwei leere Injektions-Ampullen eines Beruhigungsmittels namens Faustan, dessen Wirkstoff auch als Valium firmiert. Man benutzt ihn zur Angstunter­drückung, Nebenwirkung »Gefühlsstar­re« (netdoktor.de). Die ideale Vorbereitung für ein Massaker. Nur: Bei Steinhäuser wurden keinerlei Drogen im Blut gefunden. Also muß die Drogen jemand anders gespritzt haben: mit hoher Wahrscheinlichkeit der Vermummte. Der offizielle Unter­suchungs­bericht liefert keine Erklärung, wie die Valium-Ampullen sonst in den Papierkorb der Toilette gekommen sein könnten.

Außerdem wurde in einer WC-Schüssel die leere Verpackung von Ohrstöpseln der Marke »Hansaplast Lärmstop« gefunden. Aber warum sollte ein selbstmörderischer Amokläufer sein Gehör schonen wollen? In den Ohren von Robert Steinhäuser wurden die Ohrstöpsel jedenfalls nicht gefunden.  

Auch sonst erwähnt der vom Thüringischen Justizminister erstellte Untersuchungsbericht nichts, was eine Täterschaft von Steinhäuser belegen könnte. Zwar stammten einige der gefundenen Waffen offenbart aus seinem Besitz. Sachbeweise, daß er sie auch abgefeuert hatte, konnten aber nicht gefunden werden. Insbesondere keine

– Schmauchspuren an den Händen,

– Blutspritzer an den Händen, wie sie bei einem Schusswaffen-Selbstmord auftreten,

– Fingerabdrücke von Steinhäuser an den aufgefundenen Waffen,

– Fingerabdrücke von Steinhäuser an den aufgefundenen Magazinen,

– Fingerabdrücke von Steinhäuser an den aufgefundenen Patronen.

Das Wort »Fingerabdrücke« kommt in dem 371 Seiten starken Untersuchungbericht nicht ein einziges Mal vor. Nicht einmal war von Steinhäusers  DNA an den Ohrstöpseln die Rede. Hätte es Beweise in dieser Richtung gegeben, wären sie mit Sicherheit erwähnt worden. Das kann aber nur heißen: Für eine Täterschaft Steinhäusers gibt es keine Beweise. Steinhäuser hat an diesem Tage mit hoher Wahrscheinlichkeit weder sich noch sonst jemanden mit einer Schusswaffe umgebracht.

Kurz nach dem Zusammentreffen mit dem Hausmeister liegt er vielmehr tot in der Herrentoilette im Erdgeschoss. Statt seiner bereitet sich hier ein anderer Mann sorgfältig auf ein Massaker vor, in dem er

1. sich Valium spritzt,

2. sich vermummt und

3. seine Ohren mit Gehörschutz schützt.

...

Lesen Sie weiter im 2. Teil: Wie viele Täter es wirklich waren/Warum der oder die Täter überlebten/Wie ein Lehrer zum Verdächtigen wurde