Sicher, ich bin spät dran.
Aber erst an Ostern habe ich mir die "Passion Christi" angeschaut - Sie
wissen schon: jenen skandalbeladenen Film über den Leidensweg Christi,
dessentwegen Regisseur Mel Gibson als Antisemit bezeichnet wurde. Nun
gehe ich natürlich nicht jeden Abend mit der Bibel ins Bett, aber wenn
ich das richtig sehe, hat sich Gibson ganz einfach an die Bibel
gehalten. Und zwar geradezu drehbuchmäßig. Zwar hat er bestimmte
Evangelien ausgewählt und gemischt, aber die entscheidenden Szenen, um
die es ging, werden in der Bibel genauso geschildert: Der Römer hat
nichts gegen Jesus, will ihn laufen lassen, die Juden wollen ihn am
Kreuz hängen sehen und lieber einen Mörder freilassen. Das steht nun
mal da drin. Ist deshalb die Bibel antisemitisch? Es steht zu
befürchten.
Allerdings
kann die ganze Geschichte ohnehin nicht stimmen (hoffentlich haben die
professionellen Philosemiten überhaupt bis hierhin gelesen). Dazu
gleich mehr.
Die christlichen Kirchenoberen
können jedenfalls nicht klagen, denn Gibson taucht den Zuschauer in ein
Meer von Blut. Schließlich hat er auch selbst erklärt, zeigen zu
wollen, wie Jesus für die Menschheit gelitten hat. Braver Kerl. Und so
walzt er das Leiden Christi bis zum Gehtnichtmehr aus; das Blut spritzt
nur so aus dem Fernseher bzw. von der Leinwand, so daß mir meine alte
Idee wieder in den Sinn kam, den Antrag zu stellen, die Bibel auf den
Index der jugendgefährdenden Schriften zu setzen - wo sie eindeutig
hingehört. Schließlich ist die Passion Christi noch eine der
harmloseren Stellen. Aber nein: Während hierzulande bigotte Politiker
über jugendgefährdende Videospiele diskutieren, ist das
sadomasochistische Gemetzel ab 16 Jahren freigegeben. Die Bibel selbst
kennt überhaupt keine Altersbegrenzung.
Gibson erneuert brav das nach
2.000 Jahren etwas abgestandene Schockerlebnis, das die
Kirchenschäflein wieder bereit macht für die ganze Schuld- und
Sühnebotschaft. Sie meinen, das funktioniert nicht mehr? Und ob: Man
sitzt ziemlich betroffen vor dem Fernseher. Aber schließlich erkennt
man auch die Absicht und ist verstimmt: Den Bibelautoren kam es ganz
offensichtlich darauf an, möglichst viel Leid auf einen Menschen zu
laden, ohne Rücksicht darauf, ob dieser das überhaupt überleben kann.
Denn die in der Bibel und in Gibsons Film erwähnten Qualen hätten
mindestens für drei Jesusse gereicht.
Schon nach der schweren
Geißelung ist der Mann eindeutig todgeweiht. Jedenfalls, wenn wir
Gibsons Schilderung ernst nehmen. Neben dem Blutverlust muß ihm auch
massive Dehydrierung zusetzen; Menschen in Angst- und erst recht in
Foltersituationen pflegen sich die Seele aus dem Leib zu schwitzen,
weshalb man in solchen Situationen auch von "Blut, Schweiß und Tränen"
spricht. Alle drei gehören zusammen, nur in der Bibel, resp. bei
Gibson, nicht. Seine Schilderung ist deshalb auch nicht realistisch,
sondern nur pseudorealistisch. Überleben kann sein Herr J. vorerst nur,
weil er ein paar Sachen wegläßt. Nur einmal, nach der gezeigten
Geißelung, nach der kein Mensch mehr stehen könnte, wagt Herr J. einen
kurzen Blick auf die Schale Wasser, in der sich Pilatus die Hände
wäscht - um dann umgehend einen Nachschlag zu verlangen - nicht Wasser,
sondern Leiden. In Wirklichkeit müßte J. allein schon aus Wassermangel
im Koma liegen. Dazu kommen aber noch schwere Schmerzen und
Blutverlust. Der Mann ist eindeutig nicht mehr transportfähig, und zwar
im doppelten Sinn des Wortes: Zumindest könnte er selbst keinen
Grashalm mehr transportieren.
Vergelt's Gott: Diese Seite kann nur mit Ihrer Hilfe überleben.
In Wirklichkeit sähe die Geschichte so aus: Seine Verwandten und
Freunde würden ihn mit nach Hause nehmen und ihn dort bis zu seinem
unmittelbar bevorstehenden Tode pflegen. Sollten Blut- und
Wasserverlust nicht reichen, würden eine Sepsis, Wundstarrkrampf und
andere einschlägige Komplikationen das ihrige tun. Ende der Geschichte.
Kommen Sie mir jetzt nicht mit
übermenschlichen Kräften: Die Bibel bzw. Gibson zeigt hier einen
leidenden Menschen und keinen Gott. Entweder ist er ein leidender und
blutender Mensch, dann ist er kein Gott - und umgekehrt. Man muß sich
hier schon mal entscheiden, und die Bibel hat sich entschieden, denn um
Mitleid und Schuld zu produzieren, benötigt man ein leidensfähiges
Subjekt ohne jede göttliche Hintertür. Sonst wäre die Luft raus.
Bis zum Ende der
Geißelung wäre die Sache vielleicht noch glaubwürdig gewesen, aber nun
beginnt die für jede Propaganda typische Überdrehung. Herr J. wird noch
gebraucht. Er kann nach der schweren Geißelung nicht einfach in
Ohnmacht fallen oder gar das Zeitliche segnen. Der zu Tode Gegeißelte
muß nun auch noch sein Kreuz auf einen Hügel schleppen. Und auch danach
ist er nicht etwa tot, sondern haucht erst nach stundenlanger
Kreuzigung sein Leben aus.
Leben? Welches Leben? Während
Katzen sieben Leben nachgesagt werden, hat Herr J. mindestens drei:
eins für die Geißelung, eins für den Kreuzweg und eins für die
Kreuzigung. Obwohl es gar nicht so aussieht und dieser Eindruck durch
das ständige Leiden verwischt wird: Herr J. ist in Wahrheit ein
Supermann. Das Problem
ist nämlich nicht nur, daß er nach der Geißelung noch sein Kreuz auf
einen Hügel schleppt. Das Problem ist auch, daß das nicht einmal ein
normaler und gesunder Mann hätte schaffen können.
Um einen Menschen daran zu
hängen, müßte das Kreuz etwa zwei Meter aus dem Boden ragen und
mindestens einen Meter im Boden stecken - wenn nicht zwei. Aber wir
wollen mal nicht so sein. Der Querbalken müßte mindestens zwei Meter
messen, was eine Gesamtholzlänge von fünf Metern ergibt. Anders als
seine Mitverurteilten, muß Herr J. das Kreuz als Ganzes schleppen,
sonst wäre die Symbolik hin. Hat den Römern an dieser Symbolik gelegen?
Wohl kaum. Also muß es eine Erfindung der Bibelautoren sein. Als
Querschnitt des Balkens nehmen wir 20 mal 20 Zentimeter an, woraus sich
ein Holzvolumen von 200000 Kubikzentimetern ergibt. Jetzt fehlt nur
noch die Dichte: Aus welchem Holz mag das Kreuz wohl bestanden haben?
Aus Olivenholz? Das hätte eine Dichte von 1, ist aber eher
unwahrscheinlich, denn so leicht kann man aus den krummen
Olivenbäumchen keine drei oder vier Meter langen Balken schneiden.
Da ich das Holz nicht kenne,
nehme ich die mittlere Holzdichte von 0,75 an. 200000 Kubikzentimeter
mal 0,75 macht 150 Kilogramm. Damit sind wir beim Gewichtheben schon im
Hochleistungsbereich.
Nun hebt Herr J. dieses Kreuz
aber nicht nur; er schleppt es auf seinem zerpeitschten Rücken auch
noch einen Hügel hinauf. Irgendwann billigen ihm die Bibelautoren zwar
Hilfe zu, aber dadurch wird die Geschichte nicht wahrscheinlicher.
Selbst, wenn man jetzt noch ein wenig Kosmetik an der Holzdichte oder
am Querschnitt des Balkens betreibt, käme man immer noch auf mindestens
100 Kilo, also zwei Zentner. No way - Ende der Geschichte. Zumindest
alle Zimmermänner müßten Atheisten sein. Einschließlich Herrn J.'s
selbst - denn der soll schließlich ebenfalls Zimmermann gewesen sein.
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